Wie jeden Abend, wurde Tarja von Mutters Stimme aus der Küche geweckt. Abendessen, wie jeden Tag - wie peinlich. Das Mädchen hing an den Drähten, wie jeden Tag, und redete mit ihren Freunden im Rechner. Jeden Morgen ging Tarja kurz vor Schulbeginn in ihr Zimmer, steckte die zwei Kabel in die Anschlüsse an ihrem Kopf, einer hinten links und einer vorm rechten Ohr, und entschwand ins terranische Bildungszentrum.
Nach der Schule blieb sie meistens den ganzen Nachmittag im System, unternahm dort Ausflüge mit den Freundinnen aus ihrer Klasse, oder saß einfach nur mit ihnen herum, bis Mutter nach ihr rief. Manchmal waren Gäste dabei, die sie noch nicht so gut kannte, dann bemühte sie ihr gut gefülltes Ausreden-Lager. Ihre Schulklasse wusste natürlich, dass Tarja sich jeden Abend ausklinken musste.
Als sie vor knapp neun Jahren eingeschult worden war, hatte man ihr noch zu dem Glücksfall gratuliert, einen Platz im integrierten Unterrichtskonzept erwischt zu haben. Physische und informationale Kinder wurden nicht immer gemeinsam unterichtet, aber da die letzten materiellen Schulen immer mehr an Qualität einbüßten, hatten ihre Eltern alles versucht, um sie am terranischen Bildungszentrum anzumelden. Nun ja, nicht wirklich alles, denn dabei stand ihnen ihre altmodische Religion im Weg.
Schulterzuckend verabschiedete Tarja sich von den anderen Mädchen, zog die Stecker aus ihrem Schädel, und fuhr sich kurz mit der Hand durchs glatte, hellbraune Haar. Dann ging sie in die Küche, wo ihre Eltern mit dem Abendessen auf sie warteten. An der Tür warf sie noch einen schnellen Blick auf den bunten Wandkalender. Keine Feiertage in Aussicht, die Stimmung dürfte als etwas gelassener sein. Ein guter Tag, um das Thema mal wieder anzusprechen.
"Mama, das kommt jetzt absolut ungelegen," fing sie in einem leicht genervten Tonfall an, "wir haben gerade unser Theaterstück für den Deutsch-Unterricht geübt. Ständig muss ich mich entschuldigen, weil ich weg muss, wegen so belanglosem Kram, wie ..."
"Geht das schon wieder los?" fiel Vater ihr ins Wort.
"Aber versteht ihr mich denn gar nicht?" versuchte sie es erneut. "Ich habe hier draußen keine Freunde, hier gibt es niemanden in meinem Alter, und wenn ich erwachsen bin, wird das Dorf sowieso entvölkert sein." Mit einem Ellenbogen auf dem Tisch griff sie nach einer Brotscheibe, um diese längst überholte Hülle aufzutanken, die nur noch sie mit sich herum schleppte, was sie zum Sonderfall in der ganzen Schulklasse machte.
Für Tarja ergab es kein Stückchen Sinn, sich an eine alte Daseinsform zu klammern, die der Planet kaum noch unterstützte. Physische Leute lebten heute nur noch in fünf Dörfern, den Resten verlassener Geisterstädte, und waren entweder alt oder verblendet. Der Teil der Menschheit, mit dem sie zu tun haben wollte, hatte die Oberfläche mit all ihren Gefahren und Krankheiten schon vor Jahren verlassen, alle lebte gesund und in Würde im globalen Rechner. Dieser hatte freilich auch eine physische Komponente, ein wunderschönes Geflecht aus Metall und Glasfaser, Halbleitern und Quantenfallen. Doch es befand sich irgendwo mitten in der Erde, nicht schutzlos obendrauf, und beherbergte eine Welt, für die es sich zu leben lohnte.
Gerade hatte sie sich einen Belag für die elende Brotscheibe ausgesucht, da setzte Mutter wieder zur üblichen Predigt an. "Bist du denn gar nicht stolz darauf, eines der letzten Kinder Gottes zu sein? Wir existieren, wir leben, so real wie das Universum selbst."
Tarja hörte nur halb zu, ihre Gedanken wanderten zurück auf die informationale Erde. Der Rechner war so real, wie das Universum selbst. Mindestens fünf mal hatte sie bereits versucht, den Alten klarzumachen, dass ihre ach-so-heilige Schrift dem keineswegs widersprach. Gott hatte die Stoffe geschaffen, um ihn zu erbauen, und hatte den Menschen Hände gegeben, um genau das zu tun. Und so hatten Menschen ihn geschaffen, und waren eingezogen wie in ein Haus. An der Tür zog man seinen Mantel aus, wobei letzterer der ganze Körper war, und Tarja kam sich einfach fehl am Platze vor, weil sie das nicht tat. Sollte sie es noch einmal erklären? Lieber nicht, es wäre nur noch mehr verschwendete Zeit.
"Worauf sollte ich stolz sein?" erwiderte wie offen und ehrlich. "Ich glaube nicht an euren Gott, und selbst wenn ich es täte, hielte mich nichts in dieser grauen Schrottwüste."
Plötzlich wurde es totenstill in der Küche. Mutter starrte sie schockiert an, und Vater ließ eine Gabel fallen, das Klirren dröhnte wie Donner zwischen ihnen. Wie schön, dachte Tarja, diesmal fällt mir niemand ins Wort. Welch eine herrliche Gelegenheit, gleich den zweiten Teil auszusprechen.
"Das ist doch überholter Quark aus einem Zeitalter, als die Menschen ihre Welt noch nicht ansatzweise verstanden haben. Macht bitte einfach mal die Augen auf, und schaut euch um! Ich sehe da draußen nur vergessene Ruinen einer Katastrophe, die ich überhaupt nicht erlebt habe. Oder war es ein Krieg, oder sind die steinernen Städte sogar von selbst zerfallen, weil sich niemand außer uns mehr um sie kümmert?"
Ihr ausgestreckter Finger zeigte kurz zum Fenster, sank dann wieder auf die Tischkante. Den Blick auf einem rot blühenden Blumenkasten ruhend, zwag sie den letzten Satz aus sich heraus. "Ich weiß zwar nicht, was in euren Köpfen vorgeht, aber ich habe wirklich Besseres mit meinem Leben vor, als es auf unbelehrbare Religionen zu verschwenden."
Auf einmal vor Wut kochend, stand Tarja auf, nahm ihren Teller in die Hand, und rannte damit in ihr Zimmer zurück. Verzweifelte Stimmung blieb hinter ihr zurück.
"Es hat wirklich keinen Sinn mehr, das Mädchen hier festzuhalten," sagte Mutter leise, und beobachtete ein Efeublatt, das sich vor dem Fenster im Wind wiegte.
Wenn sie ihr aber tatsächlich erlauben wollten, zum Rest der Menschheit in den Rechner umzuziehen, dann mussten sie es schon bald tun. Es gab nur noch eine aktive Transfer-Station, und die würde bestimmt bald abgeschaltet weden. Der Bereitschaftsdienst lohnte sich nicht länger, schließlich gab es nur noch wenige Alte, die sich an die körperliche Welt klammerten.
Am nächsten Morgen klinkte Tarja sich wieder in den Rechner ein, um zur Schule zu gehen. Zum Glück hatte sie gestern Abend nicht viel verpasst. Am Nachmittag ging sie mit zwei Freundinnen durch die Innenstadt, als sie plötzlich heraus gerufen wurde. Mitten in der Stadt, vor allen Leuten! Sie schlenderte in den nächsten Laden, und versteckte sich in einer Anprobekabine, damit nicht jeder sah, wie sie verschwand. Sonst würde sie später bestimmt jemand darauf ansprechen, ob sie denn eine von draußen wäre, und warum denn, und so weiter.
Mit beiden Händen zog sie die Kabel gleichzeitig aus den Anschlüssen, und glotzte fragend auf ihre Mutter, die neben ihr auf dem Boden hockte, und ihr ernst ins Gesicht sah.
"Na komm," sagte sie aufmunternd, obwohl ihre Augen ernst blieben, "du musst deine Zukunft nicht hier verschwenden. Wir haben nochmal darüber nachgedacht, und es ist wohl wirklich der bessere Weg."
Tarja konnte kaum glauben, was sie gerade gehört hatte. Konnte es wahr sein, hatten ihre Eltern es wirklich kapiert? Tatsächlich stiegen sie wenig später ins Solarmobil, und fuhren in Richtung der letzten Transfer-Station. Über zwei Stunden dauerte die Fahrt.
Im Handschuhfach fand sie ein zerknittertes Notizheft, an dem ein Kugelschreiber steckte. Die ganze Fahrt lang formulierte sie eine Anleitung für ihre Eltern, die wohl kaum wissen würden, mit man im informationalen Wohnheim eine Person finden konnte. Kurz bevor sie die Station betrat, reichte sie ihrer Mutter das Heft.
"So findet ihr meine neue Adresse," lächelte sie zum Abschied, "bis dann, lasst bald mal von euch hören!"

