Blau, dunkelblau, nichts als glattes, eintöniges, wolkenloses Blau zog sich kurz nach Sonnenuntergang über den Osthimmel. Keine Vogel flog an Maras Fenster vorbei, kein letzter Lichtstrahl wagte es, sich in der staubigen Scheibe zu spiegeln. Die Leere war überall – am Horizont, in ihrem Alltag, in ihren Gedanken. Im zitternden Schein der kleinen Kerze stand Mara vom Fußboden auf, ging durch den breiten Saal zum Fenster hinüber, und tastete mit beiden Händen nach den Fensterläden. Mit einem leisen Quietschen wurde der eintönig dunkelblaue Spalt schmaler, bis die hölzernen Fensterläden mit einem Knall zu fielen.
Dunkelheit. An einer Stelle glänzte das Parkett, der flackernde Kreis der Kerze beleuchtete einen kleinen Haufen von Zetteln, Blumen und anderem Kleinkram, den sie den ganzen Abend lang nach einer verlorenen Erinnerung durchsucht hatte. Es war doch nur ein einziges Wort! Mara kannte so viele Wörter, vor verzweifelter Langeweile hatte sie die ganze Bibliothek ausgelesen, aber das eine Wort, das sie jetzt brauchte, war fort. Schon längst könnte sie selbst fort sein, meilenweit weg, auf dem Weg in eine bessere Welt.
"Komm einfach mit mir," hatte er gesagt, vor vielen Jahren, aber damals hatte sie gezögert. Die Burg, die heute nur noch Leere enthielt, leere Träume, leere Menschen, leere Zukunft, war damals ihr zuhause gewesen, sie mochte nicht weg. "Eines Tages wirst du gehen wollen," hatte er mit einem zuversichtlichen Lächeln hinzugefügt, als sie nicht geantwortet hatte, "sprich einfach den geheimen Code, und ich hole dich ab." Mara konnte nicht verstehen, wie das funktionieren sollte, und er hatte es während seiner Abreise nur halb erklärt. "Diesem Ort haftet eine kleiner, unscheinbarer Trick an," in ihrer Erinnerung klang der Satz beiläufig, so selbstverständlich, als hätte jede Burg ihre verhexten Stellen, "er reagiert auf den Code. Sprich ihn aus, und der Zauber holt mich her."
Nachdem der seltsame Gast mitsamt seinem Pferd im Wald verschwunden war, dachte sie nicht mehr lange über ihn nach. Besucher kamen und gingen, manche hatten interessante Geschichten im Gepäck, andere brachten ihr fremde Lieder bei, wieder andere waren nur lästig. Dieser Zauberer war einer von vielen, früher, in der Zeit, als das Leben auf der Burg noch ein Wert für sie gewesen war. Doch dann war Leere eingekehrt, nicht in die Burg, aber umso mehr in Maras Welt. Alles war doch immer das gleiche, die Welt nur eine Bühne mit wechselnden Schauspielern.
"Eines Tages wirst du gehen wollen." Der geheimnisvolle Goldschmied, dem Gerüchte nachsagten, dass er Gold aus Steinen zauberte, hatte offenbar in die Zukunft sehen können. Als er sein schwarz glänzendes Pferd durch das breite, steinerne Tor geführt hatte, nur Minuten vor seinem endgültigen Verschwinden, hatte er vor Mara allein zugegeben, dass er tatsächlich ein Zauberer war. "Sprich den Code, und ich hole dich ab." Wie lautete das geheime Wort? Sie hatte es vergessen.
Müde und mit brennenden Augen kniete sie wieder vor den alten Zetteln und Dingen nieder, die sie in den verstaubten Schubladen ihrer Schränke gefunden hatte. Es waren Dinge aus der Zeit, in der sie das verlorene Wort gehört hatte. Die Erinnerung musste irgendwo daran haften, aber sie sprang nicht mehr über. Wieder nahm sie den abgegriffenen Bleistift in die Hand, mit dem sie vor vier Jahren geschrieben hatte. Noch einmal las sie das langweilige Gedicht, dass ihre Lehrerin ihr seinerzeit eingehämmert hatte. Nichts. Oder doch?
Schattenhaft, wie aus dichtem Nebel, huschte eine Szene durch ihr Gedächtnis, und verschwand wieder, bevor sie danach greifen konnte. Mara klammerte sich an das alte Schulheft, bis ihr die Finger weh taten, und hielt es sich dicht vor die Nase, um im schwachen, unscharfen Licht lesen zu können. Die blaue Handschrift verschwamm vor ihren überarbeiteten Augen, und aus dem Grau tauchte wieder die Szene im Hof auf, diesmal endlich deutlicher.
Sie lag auf einer Mauer in der Sonne, das Heft über dem Gesicht, und versuchte, sich genug Verse zu merken, um keine Fünf zu bekommen. Das Gedicht sagte ihr nichts, es war nichts weiter, als eine leere Ansammlung hübscher Wörter. Auf einmal fiel ein Schatten auf ihren Lieblingsplatz, und als sie aufschaute, stand der angebliche Goldschmied neben ihr. Er warf einen Blick auf den Text, und sagte mit einem schwer zu deutenden Ausdruck, "Du also auch? Fast jeder sucht den Sinn darin an der falschen Stelle."
Daraufhin tauchte er seinen Zeigefinger in eine Vogeltränke, die vor Maras Füßen auf der Mauer stand, und schrieb mit dem nassen Finger vier Zahlen auf die vom Sommer ausgetrockneten Steine. Welche Zahlen, was für Ziffern – zur Hölle nochmal – waren es? Mara konzentrierte sich, um tiefer in die Erinnerung einzutauchen. Das Schulheft zerriss beinahe zwischen ihren Händen, als sie versuchte, die vier Zahlen zu erkennen. 2 5 8 1, das musste es sein. Oder 3 5 8 7? Nein, plötzlich war sie ganz sicher, es schon immer gewusst zu haben. 2 5 8 1 und dieses hohle Gedicht waren der Schlüssel. Jeder zweite, fünfte, achte und erste Buchstabe – sie zählte die Zeichen ab, schrieb den zweiten auf, dann den fünften, von dort aus den achten und den folgenden, zählte wieder zwei ab, und fünf, und acht, bis sie am Ende des Gedichts angekommen war. Dort stand es, blau auf grau, das magische Wort.
Der Fremde, dem jeder ansehen konnte, dass er kein echter Goldschmied war, hatte ihr den magischen Code nie direkt gesagt. Hätte sie ihn nicht entschlüsseln können, wäre sie ihm auch nicht würdig gewesen, sollte das wohl heißen. Jetzt sah sie Turon den Zauberer wieder klar und deutlich vor ihren geschlossenen Augen. Seine Tarnung musste absichtlich miserabel gewesen sein, als wollte er erkannt werden, wenigstens von Mara. Viel zu jung war er aufgetreten, und seine Hände waren viel zu makellos, als dass man ihm die Geschichte vom fahrenden Handwerker abgekauft hätte. Heute war Mara zwanzig sinnlose Jahre alt, und dieser Turon konnte kaum älter sein, falls er nicht auch noch das sagenumwobene Fassadenspiel beherrschte.
Nun hatte sie den Code, den Schlüssel in ein neues Leben jenseits des endlosen Walds, in dessen Mitte die Burg lag. Was würde passieren, wenn sie das Wort laut aussprach? "Sprich einfach den geheimen Code, und ich hole dich ab." Das konnte fast alles bedeuten. Würde jemand kommen, oder würde sie sofort nach anderswo verschwinden? Vorsichtshalber holte sie ihren alten Rucksack aus dem Schrank, und packte ein paar Sachen ein.
Auf der Lichtung senkte sich langsam die Nacht herab. In wachsenden Streifen legten sich die langen Schatten der Bäume über Moos und Gräser, nur ein warm schimmernder Kreis wurde von einem kleinen Lagerfeuer erhellt. Von dem silbern glänzenden Iglu-Zelt war nur noch die Folie vor dem Eingang zu sehen, die leise im Abendwind flatterte; der Rest lag bereits im Dunkeln.
Turon kramte in seiner linken Jackentasche, und zog eine kleine Plastikdose hervor. Das Feuer war einfach zu kalt, aber er wollte auch noch nicht ins Zelt gehen, bevor es richtig dunkel war. Vorsichtig streute er etwas weißes Pulver aus der Dose aufs Brennholz. Ohne sich sichtbar zu verändern, wurden die rote Glut heißer. Der junge Zauberer wärmte sich die Hände, und versuchte, nicht daran zu denken, das es heute genau vier Jahre waren.
Konnte er sich so sehr getäuscht haben? Vor etwas mehr als vier Jahren hatte sein Meister ihn fort geschickt. Er wisse nun alles, hatte der Alte gesagt, so dass er sich sogar einen eigenen Schüler suchen könne. Nach nur ein paar Monaten war er so sicher gewesen, den Menschen gefunden zu haben, der in auf seinem ziellosen Weg über den Planeten begleiten sollte. Keinen dummen Schüler, nein, viel mehr hatte er gefunden.
Die ganzen vier Jahre war er allein um die Welt gezogen, um den zweiten Platz im Zelt stets frei zu halten. Mara hatte eindeutig die Fähigkeit, Magie zu erlernen, und sie würde es wollen, wenn die Zeit gekommen war. Oder hatte sie ihn längst vergessen, konnte er sich so sehr getäuscht haben?
An dem ausgefransten Ausschnitt des Himmels, den man zwischen den Bäumen sehen konnte, verschmolzen die Wolken mit der Dunkelheit zu einem gleichmäßigen Blau, dann zu sternenlosem Schwarz. Mit weit geöffneten Augen lehnte Turon sich zurück, und betrachtete die letzte echte Nacht, die er für ein paar Wochen sehen sollte. Schon morgen würde er den südlichen Waldrand erreichen, und damit das Elfenreich gegen die schillernden Metropolen des grünen Kontinents tauschen. Keratorf, die Hauptstadt der Provinz Keratak, war nur noch einen halben Tag entfernt.
Mara lehnte an der niedrigen Mauer der Brücke, die ihren Turm mit dem Hauptgebäude verband, und schaute hinab in den Innenhof. Die Spur eines Geländewagens zog sich durch den Sand wie zwei erstarrte Schlangen, die den Weg einer grauen Katze kreuzten, die lautlos vom Torbogen sprang, über den Hof lief, und sich auf eine Mauer setzte. Jenseits dieser Grenzlinie war die Nach tiefschwarz, denn gleich dahinter begann der Wald, und die Elfen duldeten keine Störung durch künstliches Licht.
In Momenten wie diesem kam sie sich immer vor, wie in einem unsichtbaren Vogelkäfig mit offenem Türchen. Wer auch immer die Burg verließ, musste durch Elfenland. Natürlich war das nie ein Problem gewesen, im Gegenteil, ihre Familie unterhielt beste Kontakte zum Waldvolk. Trotzdem war es ein seltsames Gefühl, wenn man näher darüber nachdachte.
Schwere Wolken zogen über das Land, und setzten dem Käfig auch noch ein Dach auf. Darin gab es keine große Zukunft, die sie sich vorstellen konnte. Irgendwann musste sie den hübschen, aber sinnlosen Wald verlassen, und irgendwann war heute. Plötzlich voller Energie, stieß sie sich von der Mauer ab und rannte so schnell in ihre Kammer zurück, dass sie an der Türschwelle über ihren langen Rock stolperte. Unter ihrer Schuhspitze riss ein Stück blauer Seide ab. Leise fluchend warf sie die Tür zu, ging zum Kleiderschrank, und suchte etwas heraus, in dem sie besser laufen konnte.
Wenig später hielt sie wieder den Zettel in der Hand, auf dem sie das entschlüsselte Wort notiert hatte. Na gut, dachte sie, ich versuche es.
Durch die Wände des Iglu-Zelts schimmerte ein mattes Licht. Es sah grünlich aus, wie jedes Licht, das durch die silbrige Folie gefiltert wurde. Erschrocken setzte Turon sich auf, und tastete nach dem Reißverschluss, der den Ausgang sicherte. Als er das Zelt verließ, spürte er auch das vertraute Kribbeln, das alle magischen Erscheinungen verbreiteten, die sich über große Entfernungen hinzogen.
Unzählige blau strahlende Sterne formten mitten auf der Lichtung eine Tür, hinter der ein weiß leuchtender Gang in die Ferne verschwand. Von der Seite war sie nur ein schmaler, glitzernder Streifen, von hinten war die Tür unsichtbar. Der Hyperraum-Tunnel führte genau hier aus dem Raum heraus, und verband ihn mit einem anderen Ort; der weiße Flur war die kaum noch erwartete Abkürzung durch die fünfte Dimension, die er vor Jahren hinterlegt und mit einem Code versiegelt hatte.
Vorsichtig trat er über die ersten Sterne. Hell leuchteten sie unter seinen Füßen auf, bis er vollständig im Tunnel stand, und nur noch das Surren der schneeweißen Umgebung hörte. Schon nach acht Schritten endete der Weg durch die Masse aus reinem Licht, eine Wand aus noch mehr blauen Sternen versperrte den Weg.
Mitten in Maras Zimmer strahlte ein Viereck aus blauen Sternen. Was konnte das nur sein? Auf leicht zitternden Beinen schlich sie um das Ding herum, betrachtete es von der Seite, und stellte fest, dass es von hinten nicht existierte. Das Viereck hatte nur eine Vorderseite. Um herauszufinden, wo auf der Welt die Rückseite geblieben war, musste sie wohl hindurch gehen. Sie wagte sich näher an die Fläche aus glühenden Sternen heran, hob die linke Hand auf Augenhöhe, und tippte die Tür vorsichtig an.
Ein Wirbel bildete sich in den blau strahlenden Kugeln, in wilden Bahnen schwirrten sie zum Rand, wo sie einen Rahmen bildeten. Hinter der entstandenen Öffnung erkannte Mara einen dunklen Umriss, der vom gleißenden Licht halb überstrahlt wurde. Jemand war gekommen, um sie abzuholen.
Hellblaue Lichter strahlten und blitzten unter ihren Schuhen hervor, als sie den Rand aus glühenden Kugeln überquerte, und der schattenhaften Gestalt zur anderen Seite des Tunnels folgte. Die Hyperraum-Verbindung schloss sich in einem letzten, schneeweißen Blitz. Der kühle Geruch von feuchtem Gras und Laub hing in der Luft, und als Maras Augen sich an die plötzliche Dunkelheit des nächtlichen Elfenwalds gewöhnt hatten, erkannte sie auch das Zelt, als grauen Umriss vor uralten Bäumen.
"Einen Tag später hättest Du mich irgendwo in der Stadt erwischt," erzählte Turon in die Stille hinein. Mara sagte nichts. Ruhig wie der Halbmond über der Lichtung saß sie neben ihm im Zelt, und schaute verträumt in die Schatten vor dem offenen Ausgang. Ein schmales Lächeln zierte ihr Gesicht, als hätte sie gerade ein fremdes Wunderland entdeckt, und wusste noch nicht, was sie damit anfangen sollte.
"Was hast du in Keratorf vor?" fragte sie nach einer Weile. "Ich war dort schon einmal, vor zwei Jahren," fügte sie dann hinzu, und schaute Turon mit dem Rest von Neugier an, den sie nach einem langen Tag noch aufbringen konnte.
"Nichts," redete er weiter, "wir fahren nur von dort aus nach Süden weiter. Ein Fürst vom grünen Fluss wartet auf uns, und wollte nicht genau schreiben, worum es geht. Dass Menschen sich immer so wichtig vorkommen müssen ..." Mitten im letzten Satz griff er hinter sich, wo sein Rucksack lag, und suchte sein Satelliten-Telefon heraus. "Hoffentlich lässt sich noch ein zweiter Platz in der Bahn reservieren."
Das zweite Ticket war über den Transrapid-Webservice schnell organisiert, so dass Mara sogar noch ein paar Stunden schlafen konnte, bevor sie bei Sonnenaufgang das Zelt zusammenpackten und die letzten Kilometer bis zum Waldrand in Angriff nahmen. Die Stimmen von tausenden Vögeln begleiteten den Zauberer und seine Schülerin bis auf das offene Grasland hinaus, das sich vom Elfenreich bis zu den ersten Häusern von Keratorf erstreckte. Morgensonne spiegelte sich in winzigen Tautropfen auf den hoch wachsenden Halmen, und der halbe Vormittag zog wie schwerelos dahin, bis der Rand einer großen Stadt vor ihnen glitzerte.
Zwischen den niedlichen Hütten aus Glas und Stahl huschte eine rot getigerte Katze über die Straße, und blieb vor Turon wie erstarrt stehen. Er musste kurz lachen, und warf dem streunenden Tier ein Stück Brot zu. Dann nahm er Maras Hand, und führte sie zur Straßenbahn-Haltestelle hinüber. Vorne auf dem Bahnsteig hing eine Gruppe von Zwergen herum, die mit Glasscherben nach vorbei fahrenden Autos warfen. Mara und ihr Begleiter warteten an anderen Ende, und stiegen an der hintersten Tür in die Straßenbahn ein.
Die Sitze in der Bahn waren aus hellem Holz, und angesichts der Gesellschaft am anderen Ende des Zuges erstaunlich sauber. Die Teile der Seiten, auf denen gerade keine grell bunte Werbung angezeigt wurde, waren transparent, oder matt silbern verkleidet, wie es vor zehn Jahren modern gewesen war.
"Bis zum Transrapid-Bahnhof sind's knapp zwanzig Minuten," bemerkte Turon, während er ein Kartenspiel aus dem Rucksack zog. Er nahm eine Karte heraus, und drückte sie Mara in die Hand. "Mach doch mal eben eine Pik Sieben daraus," forderte er sie lässig auf, als wäre es das Normalste der Welt.
Sie starrte auf die Karo Neun, drehte die Karte hin und her, und kam sich ziemlich veralbert vor. "Kann ich nicht," sagte sie nur, und ließ Karte zwischen die Sitze fallen.
"Doch, kannst du," war Turon sich ganz sicher. "Du hast es doch gar nicht erst versucht. Los jetzt, hier ist die Karte," er fischte die Karo Neun aus der Ritze, und hielt sie Mara hin, "konzentriere dich ein wenig auf die rote Farbe, und sag ihr, dass sie schwarz werden soll."
Doch bevor sie sich dazu entschließen konnte, die Spielkarte noch einmal in die Hand zu nehmen, hielt die Straßenbahn in der Innenstadt, und dort stiegen so viele Leute ein, dass Turon die Karten schnell einsteckte. "Wir machen später weiter," sagte er nur, "die Menschen nerven sonst."
Während der letzten Minuten bis zum Bahnhof lehnte Turon still am Fenster, und beobachtete aus halb geschlossenen Augen die im Gang stehenden Passagiere. Wer sich seine Macht über die Materie anmerken ließ, wurde überall nur mit Forderungen konfrontiert, diese Erfahrung machte jeder Zauberer früher oder später. Das Beste war, einfach so zu tun, als könne und hätte man gar nichts, dann ließen einen die Leute in Ruhe. Mit dem abgenutzten Rucksack auf den Knien, die halblangen Haare im Nacken zusammengebunden, sah er aus wie ein Student im Urlaub.
Vor dem Fenster wurde es beruhigend dunkel, als die Schienen in den Untergrund abtauchten, kurz bevor die Straßenbahn direkt unter dem Gebäude des unabhängigen Transrapid-Bahnhofs hielt. Als wäre er gerade aufgewacht, schwang Turon sich den Rucksack mit dem Ultraleicht-Zelt auf den Rücken, nahm Mara an die Hand, und zusammen folgten sie dem Strom der Reisenden zum Fahrstuhl in die Bahnhofshalle.
"Noch gut 'ne Stunde Zeit," bemerkte er vor einer großen Uhr in der Halle. "Wir können noch kurz im verhexten Szene-Cafe vorbei schauen. Vielleicht treffen wir dort ein paar alte Bekannte."
Dagegen hatte Mara nichts einzuwenden. Was sollte sie auch stattdessen vorschlagen? Also folgten sie den Schildern zum Hinterausgang, wo in einer Seitengasse der beliebte Treffpunkt des magischen Netzwerks rund um die Uhr geöffnet hatte.
Vor einer der zwei Treppen, die zu Bahnsteig vier hinauf führten, dröhnte ein lautes Stimmengewirr in Maras Ohren. Eine mittlere Menschenmenge stand um eine alte Frau herum, die auf der Treppe gestürzt war. Sofort wollte Mara fragen, ob sie helfen konnte, aber der Meister hielt sie zurück. "Gar nicht beachten," flüsterte er ihr zu, "es ist schon wieder alles in Ordnung." Völlig achtlos lief er am Unfall vorbei.
Als Mara sich trotzdem noch einmal umschaute, war die alte Dame schon wieder aufgestanden, und überzeugte die aufgeregten Leute gerade davon, dass sie wirklich keine Hilfe benötigte. Verwundert schaute sie Turon an, der weiterhin so tat, als hätte er nichts gesehen. "Warst du das etwa?" fragte sie, obwohl sie sich fast sicher war.
"Klar doch," bestätigte er, "mir gefällt diese Aufregung nicht, darum hab ich die Oma mal kurz geheilt. Verletzte kriege ich im Vorbeigehen wieder auf die Beine, bei schwer Kranken kann's auch mal fünf Minuten dauern. Sag es bitte nicht weiter, sonst streiten sich die Krankenhäuser darum, wer mich als Sklaven einsperren darf."
Das war sie also, die Schattenseite der Macht. Kaum beherrschte man die Kräfte der Magie, musste man sie verstecken, um ständigen Forderungen vom undankbaren Pöbel zu entgehen. Mara wollte jetzt nicht darüber nachdenken, ob ihre Zukunft auch zu einem ewigen Versteckspiel werden würde, und fand glücklicherweise schnell Ablenkung.
Das Szene-Lokal der Eingeweihten lag im Keller eines Hinterhauses, an einer grauen Strasse mit rissigem Asphalt. Vor dem Haus standen zwei Pferde und frassen violette Petunien aus einem Blumenkasten, an einer Laterne lehnte ein doppelt angeschlossenes Fahrrad. Auf das Cafe im Keller deutete nur eine Neonschrift in der Glastür hin.
Unten im "verhexten" Lokal war es fast leer, höchstens zehn Männer und Frauen saßen im Raum verteilt herum. Nachdem er einen Moment in der Tür stehen geblieben war, ging Turon aber zielstrebig auf einen grünen Stehtisch zu, an dem ein einzelner Mann ganz allein stand, und in einer Zeitschrift blätterte. Der Einzelgänger schaute auf, traute seinen Augen kaum, und kam ihnen fröhlich ein paar Schritte entgegen.
"Verdammt nochmal, Turon, alter Kumpel, was treibt dich auf einmal hier her?"
Die beiden Zauberer umarmten sich kurz, dann sammelten sich alle drei um den kleinen, runden Tisch herum. "Das gleiche könnte ich auch fragen," grinste Turon seinen Freund an, "was treibt dich in diese öde Provinz? Mara, das ist Jannek, wir sind uns schon öfters über den Weg gelaufen."
Jannek bestellte eine Runde grünen Tee für alle, schaute sich um, und als er festgestellt hatte, dass niemand zu nah war, griff er in die Tasche seins schwarzen Umhangs, und legte ein silbern glänzendes Smartphone auf den Tisch. "Ich zeig dir gleich die Mail, die mich in diese öde Provinz treibt," sagte er etwas leiser als vorher, und schaute zu Mara hinüber. "Vorher verrätst du mir doch bestimmt, wer die Dame ist. Eine Schülerin, eine Freundin, oder eine gelangweilte Prinzessin aus 'ner abgelegenen Festung?"
"Stimmt alles," kommentierte Turon die Frage, und schaute gespannt auf den kleinen Computer, dessen Bildschirm sich daraufhin von selbst aufklappte. "Bekommst du auch codierte Hilferufe aus den südlichen Bergen?"
Sein alter Bekannter griff wieder nach dem Gerät, und schaltete es ein. "Ach, du auch?" Mit den winzigen Tasten quälte er sich nicht ab, sie bewegten sich unter seinem strengen Blick von ganz allein. Nach wenigen Sekunden schob er das Handy zu Mara und Turon über das grüne Tischchen, es zeigte nun die entschlüsselte Nachricht an.
"Die Menschen spinnen doch, mit ihrer überflüssigen Geheimniskrämerei," flüsterte Turon mit den Händen vorm Gesicht. "Warum schreiben sie nicht einfach, was so kritisches passiert ist? Wir sind auch gerade unterwegs zu so einem Schloss am Rand der Berge, wo jemand in einer Angelegenheit auf unsere Hilfe angewiesen zu sein meint, über das er uns nur persönlich aufklären möchte."
Dann holte auch er seinen PDA aus der Tasche, und rief eine Mail auf, die er noch nicht entschlüsselt hatte. "Das allein wäre ja noch erträglich," sagte er, "aber schaut euch mal das hier an. Mein Arbeitsspeicher reicht nicht aus, um den Inhalt zu entziffern. Sollen wir es mal da vorne am Internet-Terminal versuchen?"
Wortlos winkte Jannek nach einem Kellner, und ließ einen der Computer in der Ecke für zehn Minuten freischalten. Der PDA verschwand vom Tisch, und erschien in seiner rechten Hand, während er die fünf Schritte zur Internet-Ecke hinüber schlenderte. "So, welche Datei soll ich kopieren?"
"Lass das, ich mach's selber!" Schon standen sie alle drei vor dem großen Bildschirm, und Turon kopierte den riesigen Anhang der Mail auf die Festplatte, und dazu ein Shell-Skript, das den Inhalt entziffern sollte. Die große Datei enthielt ein Bild von Burg Wiesenfels, einer Festung am Rande eines von Elfen bevölkerten Walds. Es war einer der vielen Grenzorte, an denen Menschen und Elfen fast Tür an Tür lebten, so wie Mara es von zuhause kannte.
Das Skript lief über zwei Minuten lang, bis es aus dem großen Foto ein zweites, kleineres Bild heraus gerechnet hatte. Zeile für Zeile baute es sich neben Wiesenfels auf. "Das kann doch gar nicht sein," entfuhr es Mara, als sie das neue Foto sah, das eine Elfen-Armee zeigte, welche gerade vor der Festung Stellung bezog. Die beiden Zauberer sahen still und ausdruckslos den Aufmarsch der Waldelfen an. "Da muss ich dir Recht geben," sagte Turon schließlich, "sollte es tatsächlich einen Konflikt zwischen Menschen und Elfen geben ..."
"... dann haben die Menschen ihn angezettelt," beende Mara den Satz. Zwanzig Jahre lang hatte sie in einer neutralen Zone mitten in Elfenland gelebt. Sie kannte ihre früheren Nachbarn gut genug, um sicher zu sein, dass sie niemals ohne Grund gegen andere Völker vorgehen würden, das lag einfach nicht in ihrer Natur.
Beleidigt kopierte Turon das neue Foto auf seinen PDA, und löschte die Dateien von der fremden Festplatte. "Kann mir dann mal jemand verraten, warum wir denen helfen sollen, ihre selbst verschuldeten Krisen zu meistern? Ich fühle mich in keiner Weise verantwortlich – nur um das mal klar zu stellen. Wir fahren da nur hin, um zu sehen, was wirklich passiert ist."
Betont ruhig ging Jannek zum Tisch zurück, und steckte sein Smartphone wieder in die Tasche. "Den Tee bezahle ich," sagte er gleichgültig, und warf Mara eine Münze zu. "Mach doch mal eben einen Zehner daraus."
Sie schaute auf den Fünfer, der gerade in ihrer Hand gelandet war, und drehte sich überrascht zu Turon um, als sich die Fünf darauf wie von selbst in eine Zehn verwandelte. Er trat neben sie, legte ihr den Arm um die Schultern, und meinte nur "Gut gemacht! Warum ging das vorhin nicht mit der Spielkarte?"
War das wirklich sie gewesen? Mara hatte gar nicht darüber nachgedacht, wie sie die Prägung auf der Goldmünze verändern könnte, sie hatte es einfach getan. Das "geht nicht" loslassen, das war es also, worauf es ankam.
Als sie endlich im Transrapid nach Süden saßen, die schwere Magnetbahn sich sanft in Bewegung setzte, und beschleunigte bis die Landschaft hinter den getönten dem Fensterscheiben zu grünen Streifen verschwamm, erklärte der junge Meister ihr in Ruhe, was mit der Goldmünze passiert war.
"Naturgesetze," fing er an, ohne darauf zu achten, wer zuhören könnte. "Naturgesetze sind nichts weiter als freundliche Empfehlungen, an die sich Energie und Masse halten, solange niemand sie zu etwas anderem auffordert. Die Fähigkeit, dem Mikrokosmos zu sagen, wo es langgeht, haben im Prinzip alle Lebewesen, die eine Großhirnrinde besitzen. Dort arbeitet nämlich der exokinetische Cortex, eine so gut wie unerforschte Hirnregion, die den telekinetischen Kontakt zur Außenwelt herstellt. Hat irgendwas mit Quantenphysik und Fernwirkung zu tun, für den Anfang muss man es nicht in aller Tiefe begreifen."
Wieder packte er das Kartenspiel aus, und hielt die Herz Zehn hoch. "Hier drauf sind ganz viele kleine Moleküle, die kurzwelliges Licht absorbieren, darum wird nur Rot reflektiert. Um sie schwarz zu färben, müssen also Farbstoffe her, die jede Wellenlänge verschlucken. Dafür wandeln wir die Materie in Energie um, und lassen sie in anderer Gestalt wieder zu Materie werden, zum Beispiel in Form schwarzer Farbstoffe. Versuch es gleich nochmal, hier, nimm die Karte!"
Kaum hielt Mara die Karte in der Hand, färbte sie sich lückenlos tiefschwarz. "Hoppla, das war wohl etwas zu viel Farbe!"
"Macht nichts, damit kommen wir direkt zum wichtigsten Punkt: Präzision." Die Karte färbte sich wieder hell, und das rote Muster zeichnete sich scharf umrissen ab. "Raum, Zeit und Energie zu steuern," fuhr Turon in seinem typischen, ruhigen Tonfall fort, "ist, wie du gerade festgestellt hast, eher einfach. Es geht ganz von allein, wenn der exokinetische Cortex erst einmal aktiviert wurde. Die hohe Kunst der Zauberei besteht darin, seinen Einfluss exakt zu steuern. Dazu bedarf es der bedingungslosen Kontrolle über die eigenen Gedanken, und einer gewissen inneren Ruhe. Aber die brauchst du sowieso, schon um mit deinen neuen Sinnen keinen Unfug anzustellen."
"Neue Sinne?" Mara versuchte, alles zu verstehen, kam aber an diesem Punkt nicht mehr mit.
"Ja, das wirst du sehr bald bemerken, wenn es nicht sogar schon anfängt," erklärte Turon, der offensichtlich froh war, auf ein einfacheres Thema zu kommen.
Die bei den meisten Sterblichen inaktive Hirnregion, die den telekinetischen Zugang zur Materie steuerte, wurde durch mehrere Sinneszentren vom aktiven Gehirn getrennt. Je weiter außen sie lagen, desto seltener kam es vor, dass ein Mensch den entsprechenden Sinn wahrnahm. Vorhanden waren sie natürlich trotzdem, und während sich die synaptischen Verbindungen zum exokinetischen Cortex aufbauten und verstärkten, wurden auch die am Weg liegenden Sinne aktiviert, nahmen ihren Dienst auf, und versorgten ihren Besitzer mit scheinbar unerklärlichen Einsichten.
Mara hörte sich die recht einleuchtende Erklärung an, und versuchte, sich an irgendwelche ungewöhnlichen Eindrücke zu erinnern. Sie hatte es geschafft, sie Goldmünze umzuprägen, und die Spielkarte schwarz zu färben. Das bedeutete neurologisch gesehen, dass bereits aktive Synapsen quer durch diese geheimnisvollen Sinneszentren hindurch führen mussten. "Was würde mir denn als Erstes auffallen?" fragte sie schließlich.
Auch darauf hatte der erfahrene Zauberer eine Antwort. "Den elementarsten Sinn nennen die Menschen Telepathie. Du weißt schon – das, was jeder gerne können will, das aber jedem Angst macht, wenn andere es können. Deshalb stehen wir übrigens im falschen Ruf, fast nie miteinander zu sprechen. Wir haben das nur selten nötig. Siehst du das Mädchen mit dem Telefon in der Hand, da vorne links? Wen, meinst du, ruft sie als nächstes an?"
Diese Übung kam ihr deutlich schwieriger vor, als die Spielerei mit Münzen und Karten, denn sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie überhaupt anfangen sollte. Sie konzentrierte sich auf das Mädchen auf der anderen Seite des Waggons, und lauschte in sich hinein, ob sie irgendeinen Gedanken hören könnte, der nicht ihr eigener war. Absolute Stille.
Nach ein paar erfolglosen Minuten wurde sie von Turon unterbrochen. "Ich könnte jetzt einfach abwarten, bis du von selbst darauf kommst," lächelte er verständnisvoll, "aber ein kleiner Tipp kann nicht schaden. Du versuchst, etwas zu hören. Versuch es mal mit Sehen. Schau einfach auf ihre Stirn, und dann drei Zentimeter dahinter. Stell dir vor, du hättest dafür ein Auge, dessen Blick nicht an Oberflächen abprallt."
Wieder vergingen Minuten, während sie den Kontakt zu ihrem angeblich gerade aufwachenden Sinn suchte. Das fremde Mädchen hatte sein Telefon längst wieder eingesteckt, und starrte jetzt gelangweilt aus dem Fenster. Würde sie heute überhaupt jemanden anrufen? Mara schaute in die rasenden Streifen vor dem Fenster, auf den blonden Pferdeschwanz ihres Versuchsobjektes, tastete sich in Gedanken näher an ihren Kopf heran, und plötzlich war dort irgendetwas. Wie aus einer anderen Welt, schlich sich die chemische Frische von Haarshapoo in ihre Nase, weiche Strähnen schienen unwirklich über ihre Finger zu streichen. Und jetzt noch drei Zentimeter dahinter ... die Gedanken an der Oberfläche sprangen für einen kurzen Moment über. Darüber erschrak Mara so sehr, dass die Verbindung sofort wieder abriss, aber ein grober Schatten der fremden Gedankenwelt blieb haften, und den konnte sie jetzt in Ruhe durchsuchen.
"Ich glaube, sie traut sich nicht, jemand Bestimmtes anzurufen," brachte sie nach einer Weile hervor, und suchte kurz weiter, nach Details über die fragliche Person. "Sie wartet, dass er anruft. Dabei könnte sie das selber tun, aber sie traut sich nicht."
Turon wartete noch einen Moment ab, ob ihr noch etwas einfiel, aber Mara konnte aus dem kurzen Einblick einfach nicht mehr Information heraus holen. "Fürs erste Mal war das wirklich gut," meinte er dann. "Ich habe schon immer geahnt, dass du Talent hast. Gleich wird die Kleine übrigens eine SMS an eine Freundin schreiben, und danach ruft sie ihre Mutter an. Lässt ihre Gedanken herumliegen, wie ein offenes Bilderbuch. Wie alle, die nicht wissen, dass sie beobachtet werden."
In diesem Moment klappte die kleine Blondine ihr Handy wieder auf, und begann, eine SMS zu tippen. "Na also," bemerkte Turon. "Bei dir ist es übrigens nicht so einfach, du beschützt deine Welt unbewusst schon lange. Das war übrigens eines der Details, an denen ich bemerkt hatte, dass du mehr kannst als der Durchschnitt."
Ein kühler, blauer Abend legte sich über das hügelige Land, als die Magnetbahn endlich in den Bahnhof einfuhr, wo die beiden ausstiegen. Vom Bahnsteig führte eine breite Treppe in eine halb unterirdische Halle hinab, durch deren gläsernes Dach die letzten Sonnenstrahlen fielen.
Unter freiem Himmel vor dem Bahnhof warteten Taxis und Busse, etwas abseits der Nahverkehrsknotens lag ein kleiner Pony-Verleih. Turon ging ohne Umwege auf den wohl aus der Zeit gefallenen Pferdestand zu. "Jenseits der Stadtmauern kommt man auf Rädern keine zehn Meter weit," sagte er zu Mara, und begrüßte dann den Besitzer der fünf wartenden Pferde. Nach einer längeren Diskussion war letzterer endlich einverstanden, ihnen die zwei weißen Ponys zu leihen, die Turon schon von weitem ausgesucht hatte.
"Was ist an diesen beiden Pferden so besonders?" fragte Mara, als sie zum Tor an der Westseite der Stadt ritten. Wie aus einer zweiten Wirklichkeit, in der sie vor kurzem die Gedanken des fremden Mädchens gespürt hatte, kam es ihr vor, als glitzerte feiner Diamantstaub in der hellen Mähne ihres Ponys. "Irgendetwas umgibt sie, aber ich kann nicht erkennen, was es ist."
"Einhörner," sagte Turon dazu, und streichelte sein Pony, fuhr mit seinen langen Fingern durch die weiße Mähne, wirbelte dabei den schillernden Staub durcheinander. "Ganz junge Einhörner haben noch kein Horn, für Menschen sehen sie aus wie normale Ponys. Aber sie lassen sich nicht lange einsperren, jemand muss sie aus dem Wald entführt haben."
Entführte Einhörner. Wer sollte so etwas tun? Mara hielt es für besser, erstmal nicht nachzufragen. Stattdessen versuchte sie, aus Turons Gedanken zu lesen, was er mit den Tieren vorhatte. Bereitwillig öffnete sich ein kleiner Bereich, und überspielte ihr die Antwort. Sie würden sie Einhörner einfach laufen lassen, sobald sie wieder zurück waren. Diese Idee gefiel ihr gut, und auf einmal fühlte sie ganz deutlich, dass ihre Zustimmung ebenfalls gelesen wurde. "Du lernst es schneller, als ich zu hoffen gewagt habe," kommentierte er den Austausch, und zwinkerte ihr bestätigend zu.
Als sie die Mauern der Stadt und die angrenzende Landschaft aus steilen Hügeln und struppigem Gebüsch hinter sich ließen, und das Blätterdach des Walds sich langsam über ihnen schloss, glich Turon seinen Terminkalender mit der Uhr ab, und fand, dass sie einen kleinen Umweg einlegen konnten.
"Fragen wir doch zuerst die andere Seite," schlug er lautlos vor, las Maras lautlose Antwort, und ließ sein Einhorn dann von dem schmalen Pfad fort und in den unberührten Wald laufen. Mara und ihr Einhorn folgten ihm über einen Graben, an dichtem Buschwerk vorbei, und tiefer in den dunkler werdenden Wald. Sie freute sich darauf, endlich einen anderen Elfenstamm kennen zu lernen, als den aus ihrem heimischen Wald im Norden.
Eine Viertelstunde ritten sie still durch das Dämmerlicht, bis sie tatsächlich einen Dorfbaum in der Ferne schimmern sahen. Aus der Nähe erkannte man in der alte Buche sofort eine prächtige Elfensiedlung. In den Fenstern hunderter Baumhäuser strahlte warmes Licht, ein Labyrinth aus Leitern glänzte sogar in der Nacht noch sauber und weiß, am Boden unter dem Zweigen floss eine klare Quelle als Bach in die Finsternis davon.
In gebührendem Abstand ließen sie ihre Tiere stehen, und näherten sich dem Dorf zu Fuß. Vor der einzigen Leiter, die den Boden berührte, wartete eine alterslose Frau bereits auf die beiden Besucher. Ihre Flügel lagen fest auf dem Rücken gefaltet, und ihr langes, goldenes Haar wehte sanft im kühlen Wind, als sie die späten Gäste ansprach. "Seid willkommen, Reisende! Wir haben schon mit euch gerechnet."
Nachdem Turon seine Begleitung vorgestellt hatte, führte die Führerin des Elfenstammes sie in hinauf in die Buche, auf sicheren Wegen durch dichtes Laub, bis in ein hell beleuchtetes Baumhaus, das weit über allen unbewohnten Bäumen in den höchsten Ästen des Dorfes hing. "Ihr möchtet erfahren, wer sich mit den Menschen angelegt hat," sagte sie, als der rote Vorhang in der Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte. Es war keine Frage, sondern eine reine Feststellung.
Bis spät in die Nacht berichtete sie von der Spaltung der Elfenvölker, die seit wenigen Monaten in diesem Wald vor sich ging, und sich in andere Gegenden auszubreiten drohte. Nur ein paar Kilometer entfernt, im nächsten Dorfbaum, war die öffentlich Meinung schon vollständig umgeschlagen, dort herrschte die Ansicht, dass es an der Zeit sei, die Menschenwelt zurück in ihre Schranken zu weisen.
"Im Prinzip gar nicht so verkehrt," fand Turon anfangs, denn das einst als friedlich und gebildet bekannte Menschenvolk entwickelte sich tatsächlich zu einer arroganten Landplage. Viele Familien vergaßen das alte Wissen, und gaben sich falschen Kulten hin, ein ganzes Weltreich entfernte sich zusehends von der Wahrheit. Wenn sich dieses Volk schon nicht vor der Selbstzerstörung retten ließ, so durfte man wenigstens verhindern, dass sie mehr als nur sich selbst mit in die ewige Sinnlosigkeit hinab rissen.
Was die Königin danach berichtete, ging aber doch viel zu weit. Eine Zusammenschluss verschiedener Waldbewohner hatte Wiesenfels umstellt, und forderte das Verschwinden aller Bewohner, für einen "freien Wald". Frei. Dieses Word benutzten sie. Nicht frei für, sondern frei von. Wie biegsam Sprache doch sein konnte. Dabei lebten in den übers Land verstreuten Burgen ausgerechnet die letzten Menschen, die irgendwie mit den neuen Unsinn, der sich Götterglaube nannte, in Berührung kommen könnten. Sie glaubten nur, was wirklich so war, und lachten herablassend auf, wenn sie hörten, dass in der fernen Stadt wieder ein Tempel gebaut wurde.
Zugegeben, Turon hatte die Ausbreitung des Aberglaubens schon für sich entdeckt, um hier und da ein paar nicht gefälschte Taler zu verdienen. Wenn die Gebete der verirrten Stadtmenschen ungehört verhallten, was sollte auch sonst damit passieren, kamen sie am Ende doch zu ihm gelaufen, und das war der entscheidende Moment: Auftragsarbeiten? Gern, aber bestimmt nicht kostenlos. Das alles schien ihm nur eine Mode zu sein, die bald wieder vergehen würde, außer den reinen Naturgesetzen war schließlich nichts langfristig glaubhaft.
Was, um alles in der Welt, gleich mehrere Siedlungen von Gnomen, Zwergen, Elfen und anderen Völkern derart gegen die Menschen aufgebracht haben könnte, dass sie die bisher ganz selbstverständlich in den Wald integrierte Burg angriffen, konnte nicht einmal hier jemand erraten. Dieses Dorf versuchte nur, sich aus allem heraus zu halten.
Kurz nach Sonnenaufgang brachen sie auf, um die Geschichte von einer anderen Seite zu hören. Ihre Einhörner waren sichtbar froh darüber, endlich wieder in der freien Natur zu sein, und fanden ganz allein den besten Weg durch das dichte Unterholz, so dass sie am frühen Mittag die ersten Ausläufer der Frontlinie erreichten. Außer Sichtweite ließen sie die Einhörner laufen, und setzten sich ins Laub. "Da kommen wir nie durch", waren sie sich einig.
Waren Orte und Entfernungen denn ein Problem? Mara erinnerte sich an den strahlenden Tunnel, der sie mit wenigen Schritten meilenweit weg, vor die Tore einer fernen Hauptstadt gebracht hatte. "Ach ja, eine Hyperraum-Verbindung," fühlte sie Turons Gedanken zwischen ihren eigenen, "das wäre die letzte Möglichkeit. So ein tiefer Eingriff in die Raumzeit ist aber aufwendig, macht mich immer völlig fertig."
Gerade hatten sie beschlossen, sich doch an einem Riss in der Raumzeit von hier bis zur Festung zu versuchen, da raschelte es über ihnen in den Zweigen, wie ein Regenbogen schillernde Flügel schwangen sich elegant zu Boden, und vor ihnen stand ein Elf in irisierend blitzender Rüstung. Er strich sich die schwarzen Locken aus dem Gesicht, kniete sich atemlos zu ihnen auf die Erde, und schien gleichermaßen überrascht und erleichtert, sie hier zu treffen.
"Großer Meister," sprach zu Turon an, "welch ein Glück, euch doch noch zu finden. Ich hatte schon befürchtet, ihr würdet Lirions Trick nicht durchschauen."
"Lirions Trick – welchen denn?" fragte der Zauberer völlig ahnungslos. Hatte er verpasst, auf etwas herein zu fallen? "Der König der Festung ließ nach uns rufen, und wir würden gern auch seine Sicht der Dinge erfahren."
"Dann habt ihr also gleich erkannt, dass die SMS gefälscht war," sagte der kleine Elf, wobei Turin einfiel, dass er sein Telefon seit gestern nicht mehr eingeschaltet hatte. Neugierig auf die misslungene Täuschung zog er es aus der Tasche, klappte den Bildschirm auf und rief den Posteingang ab. "Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass es besser wäre, das Ding heute nicht anzufassen," bemerkte er beiläufig, während er die letzte SMS öffnete.
"Also, dieser Text hätte mich eher dazu bewegt, einen Tag früher hier zu sein," lachte er dann, als er die Kurznachricht gelesen hatte. "Hier ist 'ne SMS mit gefälschtem Absender, scheinbar vom Sekretär des Königs. Wir sollen uns unbedingt vom Wald fern halten, zu unserer eigenen Sicherheit. Wiesenfels wird ohnehin in den nächsten Tagen evakuiert, der König erwartet uns dann vor der Kanalbrücke im Westen." Grinsend klappte er das Handy zu, und ließ es wieder in seinen Umhang fallen. "Was denkt dieser Lirion sich überhaupt? Niemand macht sich Gedanken über meine Sicherheit, niemand, ist das klar? Der echte König weiß genau, dass er mich mit so einer Warnung nur beleidigen würde."
Wenn Mara eines verstanden hatte, dann das. Es gab keinen besser geschützten Ort auf der Welt, als die unmittelbare Umgebung ihres Freundes, der Energie und Dimensionen durch reine Gedanken steuerte. Jemand versuchte offensichtlich, eine totale Nachrichtensperre über den Wald zu legen, indem er niemanden hinein oder hinaus ließ, und den Funkverkehr abhörte und verfälschte.
"Ein paar von uns haben Lirions Armee unterwandert," redete der Elf atemlos weiter, "und versuchen, soweit es geht, den Kontakt zu unseren menschlichen Nachbarn aufrecht zu erhalten. Ungefähr zweihundert Meter östlich von hier können wir euch durch den Belagerungsring hindurch schleusen."
Abendrot tauchte den westlichen Turm in glühendes Orange, während Turon auf den ältesten Prinzen wartete, der immer noch nicht verstehen wollte, an wen er noch glauben durfte. Wie tanzender Rauch schwirrte ein Mückenschwarm an Maras Nasenspitze vorbei. In Gedanken versunken sah er ihren Fingern zu, wie sie die Mücken verscheuchten, und fragte sich, wie lange er sich noch erfolgreich aus der Weltgeschichte heraus halten könnte.
Die Wagen, die er rund um die Burg gesehen hatte, waren ohne Treibstoff gefahren – Perkas Werk. Die berühmte Hexe hatte ihn einst unterrichtet, damals auf der geheimen Insel, als er noch ein kleiner Schüler war. Elektrische Felder zu kommandieren war zwar ihr einziges großes Talent, aber das wusste sie einzusetzen. Egal. So gut er sie auch aus seiner Kindheit kannte, jetzt war klar, welche Seite sie gewählt hatte. Das Netzwerk der Zauberer war tiefer gespalten, als er es hatte wahrhaben wollen.
Mit einem dunklen Knarren öffnete sich die Tür, und der Prinz trat auf den Turm hinaus. Mit der gleichen, leiht übertriebenen Demut, mit der man den Zauberer und seine Weggefährtin vor wenigen Stunden begrüßt hatte, verbeugte er sich, und setzt sich dann deprimiert auf die Mauer. "Was ist, wenn sie heute Nacht angreifen?" fragte er, ohne jemanden anzusehen.
"Können sie gar nicht," antwortete Turon, zuckte gleichgültig mit den Schultern, und ließ das Kraftfeld kurz aufleuchten, das die Burg wie eine schützende Kuppel umschloss, genauso transparent wie undurchdringbar.
Der Prinz starrte sprachlos in die schützende Hülle, deren glitzernde Staubkörner im Himmel schwebten und auf einer unsichtbaren Halbkugel in den Boden zu fließen schienen. "Ein Schutzschild!" brachte er schließlich hervor, als das letzte blaue Strahlen im Boden verschwand, und nichts als rötlichen Abendhimmel zurück ließ.
"Ja, vorhin, so im Vorbeigehen," erklärte der junge Meister, und tat so, als wäre es der langweiligste Trick der Welt. "Als wir die Grenzlinie übertreten haben, da hab ich sie gleich mal dicht gemacht. Ich dachte halt, das wäre bestimmt nicht schlecht." Bei dieser perfekt gespielten Lässigkeit fiel es Mara schwer, ernst zu bleiben. Gab es eine bessere Art, die einfachen Leute zu beeindrucken? So große Energien in Form zu bringen, war wenigen Genies vorbehalten, kein anderer noch lebender Zauberer konnte einen Schutzschild wie diesen aufbauen. Aber Turon schaffte es immer wieder, beiläufig auf seine einzigartige Überlegenheit hinzuweisen, und trotzdem Stil zu bewahren. So im Vorbeigehen.
Mehr als ein sicheres Kraftfeld wollte er den Menschen aber nicht gönnen; keine Einmischung, dieser Grundsatz musste beachtet werden. Solange er sich nicht auf eine bestimmte Seite stellte, konnte es auch nicht die falsche Seite sein. "Ich kann nicht einfach so Partei ergreifen," stellte er am Ende klar. "Der unsichtbare Schirm friert die Gegenwart ein, weder der Burg noch dem Wald kann etwas passieren, aber bildet euch lieber nicht ein, dass das mehr bedeutet, als 'klärt eure Angelegenheiten friedlich'."
Spät in der Nacht, als nur noch der Halbmond sein blasses Licht auf den Turm warf, stand Turon auf und wandte sich zur Tür, in dieser Siedlung hatte er nichts mehr zu erledigen. Als Mara am Prinzen vorbei zum Fahrstuhl ging, hielt der sie plötzlich am Arm zurück, und flüsterte erschrocken "Fräulein Mara? Wie kann das sein – ich hätte dich fast nicht wieder erkannt!"
"Als Mensch sah ich kaum anders aus," erwiderte sie distanziert, sie wollte das Thema nicht auf ihr früheres Leben als Burgfräulein lenken lassen. Lautlos hörte sie Turons Kommentar in ihrem Kopf: "Ach was, du warst nie wirklich eine von denen."
Im Schatten der Mauern, kurz bevor sie zurück in den Wald verschwinden wollten, zog der Prinz einen kleinen, weißen Brief aus der Manteltasche. "Werdet ihr jetzt zurück in die nördliche Provinz reisen?" fragte er vorsichtig, und spielte nervös mit dem Papierstück. "Dann erlaubt mir eine einfache Bitte: Jemand muss diesen Brief zu Felsenburg in den Bergen bringen."
Ohne langes Gerede nahm Turon ihm das Papier aus den Finger, und steckte es in seinen Umhang. "Wir kommen an dieser Gegend vorbei," war sein einziger Kommentar, zu Mara schickte er einen genaueren Gedanken hinüber. Das nächste Ziel war ein gewisser Seehafen, der den Mitgliedern des magischen Netzwerkes als letzter Anlaufpunkt vor der geheimen Insel diente.
Die nächsten Wochen vergingen so schnell, dass Mara sich kaum noch vorstellen konnte, wer sie vorher gewesen war. Der Sommer und das weite, offene Land nahmen sie so herzlich auf, dass das Überall ihr neues zuhause wurde. Natürlich hätten sie wieder mit der Bahn fahren, oder am anderen Ende des Kontinents aus einem Hyperraum-Tunnel auftauchen können. Aber sie waren sich einig darüber, diesmal zu laufen. Die Welt, die sie kannten, könnte bald nicht mehr existieren, nicht auf diese lebenswerte Weise. Der Weg zum Stützpunkt am nördlichen Meer könnte ihre letzte Gelegenheit sein, von einem Zeitalter Abschied zu nehmen.
Durch geheimnisvolle Moore und an duftenden Wiesen vorbei, führte die Reise sie durch kleine Siedlungen und versteckte Zwergendörfer, wo Turon ihnen kostenlosen Aufenthalt im Gasthof verdiente, indem er Kranke heilte, und verschiedenste kleine Probleme aus der Welt schaffte. Die Zwerge von den grünen Ebenen waren schlichte, freundliche Zeitgenossen, nicht zu vergleichen mit den Gnomen und Parasiten, die sich in Menschenstädten einquartiert hatten und dort die Straßen unsicher machten.
Nach sechzehn Tagen kamen sie an einem breiten Fluss, dem sie bis zum übernächsten Sonnenaufgang folgten. Mara hatte keine Ahnung, wer die alte Lore am Wasser war; oder Wellen-Lorchen, wie Turon sie nannte. "Lore ist eine Undine," erklärte er nur, "eine alterslose Fee, die in einem Felsen am Ufer lebt. Der Fluss ist ihre Welt, sie verlässt ihn niemals. Ich würde sie zu gerne noch einmal besuchen. Außerdem bewacht sie den Eingang zur Höhle eines Elfenstammes, die wie ein großer Keller unter den Hügeln liegt."
Erdelfen, die Bewohner der Hügel, auf der Oberfläche und tief darunter. Sie waren entfernte Verwandte der Waldelfen, doch Mara hatte noch nie einen zu Gesicht bekommen. Die Felsen am Flussufer waren lange Zeit nur mit Booten zu erreichen gewesen, bis vor wenigen Jahren ein Zugseil im Wasser verlegt wurde, auf dem nun streng nach Fahrplan eine stromlinienförmige Kapsel in Hochgeschwindigkeit den breiten Strom auf und ab raste. Die Gondelbahn war länglich, glitzerte beim Auftauchen silbern in der Sonne, und bot Platz für zweihundert Passagiere. Ihre Bahn führte nah genug an Lores Felsen vorbei.
Weißes Wasser schäumte und spritzte auf den Steg, als die Wasserbahn aus dem Fluss auftauchte, und zischend ihre Schiebetüren öffnete. Eine Welle von Passagieren strömte heraus, die nächste Fahrgäste-Flut drängte hinein. Mara und Turon stiegen als Letzte ein, um möglichst nah an der Tür zu bleiben. Ein Warnton hupte, die Schiebetüren verriegelten sich, und eine Sekunde später vibrierte auch schon der Boden und die Kapsel fuhr los. Luftblasen und Algen flogen am Fenster vorbei, das sandige, gelbe Flussbett färbte sich dunkelgrau, bis die verschwommenen Schatten von Gestein erkennbar wurden.
"Bereit zum Absprung?" fragte der Zauberer, und griff nach Maras Hand.
"Klar doch," sagte sie, denn sie wusste genau, was jetzt passieren würde. Gemeinsam gingen sie auf die fest geschlossene Tür zu, die für sie plötzlich durchlässig wie Nebel war, tauchten kurz darauf aus dem Wasser auf, wo sie nur noch eine Schaumkrone über der Hochgeschwindigkeitskapsel in der Ferne verschwinden sahen. An beiden Ufern ragten steile Klippen auf, geduldig schliff sich der Strom ein glattes Tal zwischen dem rauen Gestein hindurch.
Mara fand keinen Halt an der nassen Steilwand, glitschiges Moos glitt ihr durch die Finger, während sie zusah, wie Turon neben ihr, die Hände flach gegen den Felsen gelegt, aus dem Wasser kletterte. Lächelnd reichte er ihr eine Hand, und zog sie ins Trockene. "Mikrogravitation," sagte er dabei, "die winzige Anziehung zwischen deiner Haut und der Wand. Du musst sie schrittweise verstärken und schwächen, damit die Hände haften oder loslassen."
Vorsichtig versuchte sie es, und zitternd hielt ihr linke Hand an dem Felsen. Der nächste Versuch haftete schon fester, und als sie schließlich die Höhle der Undine erreichten, musste Turon sie kaum noch festhalten. Von außen sah der Eingang aus wie ein dunkler Tunnel, der in den Berg hinein führte und sich nach wenigen Metern in den Schatten verlor. Ein paar einsame Kräuter wuchsen auf dem grauen Stein, die Wurzeln fest in winzige Rillen gekrallt. Nichts deutete darauf hin, dass hier jemand wohnte, nur der warme Sommerwind trug eine leise Melodie von den Klippen herunter, einen verträumten Gesang in uralter Sprache.
Die beiden Taucher setzten sich in den schattigen Eingang, der keine Tür nötig hatte. "Sie ist nicht zuhause," stellte Turon fest, "sitzt wiedermal ganz oben auf dem Berg, und übt ihre alten Volkslieder, an die sich fast kein Sterblicher mehr erinnert."
Endlich sicher auf ebenem Boden angelangt, schaute Mara hinab in die schäumende Strömung, die in der Tiefe gegen den Felsen wirbelte – ein schwieriges Gewässer musste dieser Abschnitt des Flusses einst gewesen sein, als man noch in kleinen Holzbooten fuhr. "Aber sie muss uns doch gesehen haben," war sie sicher, als sie mit den Augen der weichen Stimme folgte, und auf der schmalen Spitze des Berges einen Schimmer von funkelndem Gold erkannte. "Bestimmt kommt sie gleich herunter."
Tatsächlich verstummte der geheimnisvolle Gesang, kurz darauf bewegte sich etwas in der Höhle. Eine Frau mit langem blondem Haar trat aus der Dunkelheit, viel zu viel Gold überdeckte ihr wasserblaues Kleid, und ein gelbliches Licht ging von ihr aus, so dass der Eingang keinerlei Beleuchtung mehr brauchte. Auf den ersten Blick wirkte sie wie ein junges Mädchen, aber als sie näher kam verrieten ihre grünen Augen, dass sie zu den ewigen Kreaturen gehörte, alt wie die Berge selbst, die schon lange vor Beginn der Geschichtsschreibung die Erde bewohnt hatten.
Die golden blitzende Undine konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, bevor sie die nassen Gestalten herein bat. "Schön dich zu sehen, Turon," sagte dieselbe weiche Stimme, "hast du eine Meerjungfrau mitgebracht?"
"Oh, Entschuldigung," erwiderte er, bemerkte die triefende Kleidung, und einen Augenblick später waren die Besucher wieder trocken. "Darf ich dir Mara vorstellen? Sie ist die Person, nach der ich ein halbes Leben lang gesucht habe."
"Ein zweites Naturtalent?" Lore blickte erstaunt auf das ehemalige Burgfräulein, das nicht weniger verwundert zurück schaute. "Ehrlich, ich hatte nicht gedacht, dass sie wirklich existiert. Willkommen in meinem kleinen Reich, Weltwunder Mara!" Mit diesem Worten winkte sie ihren Gästen zu, ihr zu folgen, und führte sie durch den felsigen Tunnel in eine gemütlich eingerichtete Wohnung, die tief im Berg versteckt lag. Mara verstand auf einmal überhaupt nichts. Was sollte das heißen, ihr Freund hätte jahrelang nach einer Person gesucht, die sie nun sein sollte?
Als hätte sie die Verwirrung des Mädchens gespürt, warf Lore dem Zauberer einen tadelnden Blick zu, und wandte sich dann an Mara. "Er hat es dir also gar nicht erklärt." Vor einem Fenster, hinter dessen Glas nur Algen und Strudel tanzten, setzte sie sich auf eine Bank und begann, den Teil zu erzählen, den Turon nicht hatte ansprechen wollen.
"Vielleicht ist es dir schon aufgefallen," fing sie an, und fegte sich eine goldblonde Strähne aus dem Gesicht, "dein Freund hier ist kein gewöhnlicher Zauberer. Eine seltene Kombination aus Hochbegabung und vergrößertem exokinetischen Cortex muss daran Schuld sein, dass er seine magischen Fähigkeiten nicht anstrengen, sondern bremsen muss. Den alten Meistern schien es schon früh so, als ob der Nanokosmos regelrecht auf seine Befehle wartet. Anstatt jahrelang das Zaubern zu erlernen, musste der kleine Turon nur immer mehr über das Universum und seine Gesetze lesen, um neue Ansatzpunkte zu finden, den Rest erledigt er einfach unbewusst."
War das eine Seltenheit? Mara schaute auf ihre Handflächen hinab, die vorhin noch am glatt geschliffenen Felsen gehaftet hatten. Sie machte es doch genauso, wie Lore es beschrieb. Aber die Undine erzählte schon weiter, von Turons einsamer Ausbildung auf der geheimen Insel, die mit der Zeit immer schwerer wurde, weil er bald nicht mehr nur den anderen Schülern, sondern auch den großen Meistern und Führern um Jahrzehnte voraus war. Alles, was er wirklich lernen musste, waren Disziplin und Regeln, doch dafür mangelte es leider an Vorbildern, immer wieder versuchten Erwachsene, das unerfahrene Genie auszunutzen. Freunde erwiesen sich als Schauspieler. Machthungrige Altmeister suchten sein Vertrauen, und scheiterten an seiner verstärkten Telepathie. Und die ganze Zeit wartete er vergeblich auf jemanden, mit dem er auf gleicher Augenhöhe reden konnte, einen zweiten Mutanten mit den gleichen verrückten Fähigkeiten.
"Schließlich hat er es dann so gemacht, wie seine wenigen echten Freunde," schloss Lore die Geschichte ab, "hat die Insel zurückgelassen, und ist allein um die Welt gezogen – stets auf der Suche nach einer Person, an die niemand so recht glauben wollte. Tja, und jetzt bist du also hier, womit wir beim Thema wären. Was führt euch an meinen Fluss?"
Als keine Antwort kam, sah Mara sich in der Höhle um. Turon war verschwunden. Sie hatte es noch gar nicht bemerkt, denn die telepathische Verbindung war stabil und kannte keine Entfernungen. Ganz selbstverständlich waren ihre Gedanken zusammen, und so antwortete sie für ihn. "Die Welt dort draußen steht kurz vor einem großen Umbruch," berichtete sie, und suchte dabei in dem zweiten Gedankenstrom nach einem Hinweis darauf, wohin er sich zurück gezogen hatte. Auch das erkannte Lore sofort.
"Dein Freund sitzt im Eingang am Wasser," bemerkte die golden-blaue Frau, und zuckte mit den Schultern, "er hat es schon immer gehasst, etwas Besonderes zu sein, und mag es einfach nicht hören, wenn ich darüber rede. Aber es ist schön, dass ihr mich noch einmal besuchen kommt, bevor ihr geht. Deshalb seid ihr hier."
Wohin sollten sie denn gehen, und warum? Sie verstand nicht, worauf Lore hinaus wollte. "Was meinst du – bevor wir gehen?" fragte sie, als sich die telepathische Verbindung plötzlich verdunkelte.
"Ach, der junge Meister tut sich immer so schwer, über Dinge zu reden, denen er seit Jahren aus dem Weg geht," seufzte die Undine und begann eine kurze Erklärung. In groben Zügen erzählte sie vom Netzwerk der Zauberer, dem auch Mara nun angehörte, und von dem lauter werdenden Ruf danach, die zerfallende Ordnung der Welt zu retten. Unmöglich erschien es, die Völker der Erde wieder zur Vernunft zu bringen, das friedliche Zusammenleben zu sichern, und der Welt wieder eine dauerhafte Ordnung zu geben.
Leider wussten zu viele Mitglieder des Netzwerkes, dass es doch einen gab, der es könnte. Immer öfter musste Turon sich vorwerfen lassen, dass er sich aus der Verantwortung ziehen würde, indem er als netter Landstreicher durch Wälder und Städte streifte. Die Erde brauchte einen allseits akzeptierten Herrscher, und der einzige, den alle Seiten anerkennen würden, verbrachte die Tage lieber damit, Zwerge beim Kartenspiel zu betrügen.
"Aber eher würde er uns für immer verlassen, als sich zu viel Verantwortung für ein System einzuhandeln, das er schon immer grösstenteils gehasst hat," beendete sie die Geschichte. Ein wissendes Lächeln lag auf ihrem zeitlosen Gesicht. Sie kannte Turon gut. Viel zu lange hatte er sich gegen verblendete Herrscher wehren müssen, die ihn und seine Fähigkeiten ausnutzen wollten, als dass er heute noch irgendein Interesse an den oberen Etagen der Gesellschaft haben könnte. Die Welt der Mächtigen war eine Welt, die er zutiefst verabscheute.
Im Lichtschein des Eingangs zeichnete sich eine Gestalt ab, kam näher, und betrat wieder die Höhle. "Danke dafür, dass du es ihr gesagt hast," sagte Turon, und setzte sich zu den Frauen auf die Bank. "Ich hätte es nicht fertig gebracht, uns mit diesem Thema den Sommer zu verderben." Nach ein paar Sekunden unsicherer Stille schaute er endlich auf. "Ach ja, wie steht es eigentlich um den Tunnel durch die Hügel, ist der noch passierbar?"
"Aber natürlich," versicherte Lore, "die Erdelfen sind genauso drauf wie wir drei hier. Sie stehen auf keiner Seite, und warten ab, dass der Sturm vorüber zieht." Daraufhin stand sie auf, strich ihr blaues Kleid glatt, und führte ihre Gäste in eine Ecke, die bisher unsichtbar im Schatten gelegen hatte. Eine breite Treppe aus rauem Stein führte von dort in den Untergrund, und nur das gelbliche Strahlen von Lores Haar erleuchtete Stufen und Wände. Wo sie nicht war, herrschte Finsternis.
Tief unter dem Berg kamen sie an ein stählernes Portal, das von einem Zahlenschloss gesichert wurde. Vor dem verriegelten Tor zum Tunnel der Erdelfen bemühte Lore noch einmal ihre Telepathie, und schickte Turon eine letzte Warnung. Verrate niemandem, wer sie ist. Als wäre er nicht selbst darauf gekommen. Natürlich würde er sich sehr gut überlegen, wer erfahren durfte, dass Mara dass lange gesuchte Gegenstück war – sonst konnte der gerade erst wahr gewordene Traum nicht lange halten. Sie war zwar zweite Wahl für den freien Weltherrscher-Posten, aber dennoch begabt genug, dass gewisse Vertreter des Netzwerks versuchen würden, sie von seinem "schlechten Einfluss" zu trennen.
Nachdem Lore den Zahlencode eingetippt hatte, fuhr das Tastenfeld zur Seite und gab eine Kombination aus Mikrofon und Bildschirm frei. "Wir haben das Schloss vor Kurzem um eine zweite Stufe erweitert," sagte sie, und beobachtete den Bildschirm, der eine Aufzeichnung ihrer Worte als wild gezackte Kurve anzeigte, und kurz darauf die Freigabe erteilte: Stimme erkannt, Durchgang gewährt.
Leise schloss sich die silberne Tür wieder, magnetische Schlösser summten und versiegelten den Rückweg hinter ihnen. Die Wände um den breiten Gang schimmerten grünlich, doch der Boden lag tiefschwarz vor ihren Füßen. "Das sind ja Glühwürmchen," stellte Mara fasziniert fest. Millionen kleiner Käfer krabbelten den rohen Fels hinauf und hinunter, krochen quer über die niedrige Decke, oder marschierten in Schwärmen die Wände entlang. Das kalte, dämmerige Licht ging von ihren Fühlern aus, an deren Spitzen winzige Sterne hingen. Im schwachen Licht der Insekten folgten sie dem Tunnel, bis dieser breiter wurde und eine Kammer bildete. Mitten in dem engen Raum sprang ihnen jemand in den Weg.
"Wer durchquert unser Land?" rief der Elf, und hob die linke Hand: Stehen bleiben! Für einen Moment blieben die Zauberer regungslos stehen, bis der Bergbewohner seine Hand wieder sinken ließ. "Keine Panik, ich bin's nur," kommentierte Turon die aggressive Begrüßung. "Bitte gewährt uns zehn Minuten eurer wertvollen Zeit."
Als sie die bekannte Stimme hörten, kamen acht weitere Elfen aus den Ecken, und versammelten sich um ihre Besucher. Wegen diesem Brief, fing Mara wieder einen Gedanken auf. Sie sollte aussprechen, warum sie hier waren, um für die Elfen kein unbekannter Mithörer zu sein.
"Es geht um eure sogenannten Verwandten aus dem Wald vor Wiesenfels," erklärte sie den blassen Figuren, die sich vor ihr auf den Boden gesetzt hatten, und kniete ebenfalls auf dem kalten Stein nieder. "Die Menschen, ihre Nachbarn, haben uns einen Brief mitgegeben, und wir sind nicht sicher, ob wir ihn wirklich abliefern sollen. Ihr wisst schon ... das könnte dazu führen, dass sich diese noch überschaubaren Krisen wie Buschfeuer ausbreiten."
Unter den ernsten Blicken von neun Erdelfen zog Turon den Brief des Prinzen aus dem Umhang, und reichten ihn dem Anführer. Dieser nahm den weißen Umschlag, und riss ihn kommentarlos auf. Darin waren zwei dicht beschriebene Blätter. Der älteste Elf las den Brief aufmerksam durch, und reichte ihn dann herum, bis jeder ihn gelesen hatte. Mara und Turon lasen die feine Handschrift als Letzte. Minutenlang legte sich bedrücktes Schweigen über die Höhle, Schock und Angst ließen niemanden passende Worte finden.
Schließlich sprach der erhabene Elfenführer sein Urteil. "Verbrennen und so tun, als wäre er nie geschrieben worden!" Die beiden Zauberer nickten stumm. Das war wohl die beste Lösung. Noch in diesem Moment gingen Brief und Umschlag in Flammen auf.
Klares Morgenlicht strömte über den Hügel, fiel auf Gräser und zarte Blumen. Ein kühler Wind hob die Folie eines Ultraleicht-Zeltes sanft an, entschwand ins westliche Tal, und ließ zwei Wesen zurück, die zur anderen Seite in die aufgehende Sonne sahen.
"Der Hyperraum-Tunnel, neulich vor Burg Wiesenfels. Du hättest es gekonnt, nicht wahr?" Mara war sicher, dass er nur vorgetäuscht hatte, die Raumzeit wäre zu groß für ihn.
"Natürlich, und du wirst es auch bald lernen," antwortete er. "Aber jemand hätte uns beobachtet. Wenn jeder wüsste, dass wir jederzeit überall auf der Welt verschwinden oder auftauchen können ... nein, das muss unter uns bleiben."
Eine helle Wolke zog vor die langsam höher steigende Sonne, als Turon nach einer Weile anfing, von seinem allerersten Tunnel zu erzählen. "Es gibt einen Ort, an dem wir vor diesem ganzen Wahnsinn sicher sind. Ich habe ihn aus Versehen entdeckt, früher einmal, auf der Insel, als mir dort mal wieder alles zu viel wurde. Ohne genau zu wissen, wohin ich überhaupt wollte, habe ich irgendwie den Kosmos zerrissen, und bin zu ersten mal dort gelandet. In einem Paralleluniversum. Seitdem war es öfters mein letzter Zufluchtsort."
Bilder des fremden Ortes stiegen vor seinem inneren Auge auf, und übertrugen sich zu Mara. Es waren Bilder von einem weiß glänzenden Meer, dessen steiniger Strand an einen Wald grenzte. Kunstvolle Blätter seltsamer Bäume schillerten in allen Farben des Regenbogens, dazwischen flatterten schwarze Schmetterlinge.
"Ziehen wir uns doch einfach aus der Verantwortung, bis wir diese Welt nicht mehr wiedererkennen." Zu diesen Worten öffnete sich vor ihnen ein scharf umrissenes Feld aus blauen Sternen. Die strahlenden Kugeln wirbelten durcheinander, und eilten an die Ränder, um einen Torbogen zu formen, unter dem nur grelles Weiß zurück blieb.
Mara starrte auf die blauen Sterne und ins schneeweiße Licht. Der Hafen war vergessen, die geheime Insel war vergessen. Vor ihr lag der wahre Weg ans Meer.

