
Weder in diesem, noch in anderen öffentlichen Räumen konnte er Veränderungen finden. Es musste einfach wahr sein, der Chip hatte keine Macht über das Netz. Oder war er gar nicht online? Konnte alles, was er hier sah, las und hörte, eine besonders komplexe Fälschung sein?
Viel zu groß, fegte er den letzten Zweifel beiseite, so riesige Informationsmengen können sie gar nicht zwischenspeichern, und der Inhalt meines Backups war doch gesichert ...
Trotz aller Echtheit um ihn herum fühlte er sich beobachtet. Es wäre viel zu einfach, wenn er unbemerkt Memos verschicken könnte. Am besten gleich an die Verwaltung von Neuseeland, grinste er sarkastisch, und danach lässt man mich für alle Zeiten offline in der Zelle hocken. Mit allgemein verständlichen Hilferufen musste er sich wohl zurück halten, wenn er dieses Stückchen Realität behalten wollte.
Dennoch fühlte es sich gut an, eine Welt um sich herum zu haben, die tatsächlich so war, wie sie schien. Außerhalb der Simulation wartete nur wieder die Frage, welche Halluzination der Wirklichkeit am nächsten kam.
Vielleicht läuft mir zufällig ein Bekannter über den Weg , hoffte er still, als er durch die glitzernden, dezent gefärbten Glasgänge von Creanima wanderte. Die gut sieben Jahre alte Künstlerstadt verdiente den Namen Stadt längst nicht mehr.
Seit Lissas Proxy-Interface den weltweiten Durchbruch geschafft hatte und so gut wie jeden Hausanschluss mit natürlicher Panorama-Darstellung versorgte, eröffneten jedes Jahr mehr Zeichnergruppen neue Stadtteile, fügten der konstruierten Welt frei erfundene Landschaften und geheime Gewölbe an.
Das Kernteam mit den Gründern von Creanima begutachtete die neuen Gegenden zwar, und koppelte unprofessionell umgesetzte Entwürfe gnadenlos wieder ab, aber es blieben genug gelungene Landschaften übrig, um den Lageplan an den Eingängen unübersichtlich zu machen. Aus der kunstvoll gezeichneten Modellstadt mit Raumhafen, Zentrum und Strand hatte sich eine verwinkelte, bunte Parallelwelt entwickelt.
Die Eingänge befanden sich nach wie vor im ältesten Teil Creanimas, dem Raumhafen aus unzähligen Kristallsäulen, in denen sich in Ringen angeordnet die Parkplätze aufreihten. Wer sich in Creanima anmeldete, ohne einen Tiefenverweis auf einen bestimmten Platz zu verwenden, fand sich zuerst in einer transparenten Kammer wieder und blickte über ein weites Feld gleichartiger Säulen, in denen man andere Besucher sehen konnte, die auch gerade angekommen waren.
Durch das Spinnennetz aus grüngläsernen Röhrengängen, das sich zwischen den Parkplätzen aufspannte, ließ Rihm sich auf das orange leuchtende Zentrum zu treiben. Er ging an Kreuzungen vorbei, beobachtete dort fremde Gäste, und schaute heute besonders aufmerksam auf in die Wände gravierte Schilder, an denen er sonst achtlos vorbei ging.
In den glitzernd durchscheinenden Wandbildern hatten sich Programmierer und Zeichner verewigt, als die Stadt noch ein kleines, wenig bekanntes Kunstprojekt war. In den neueren Landschaften brachten sie ihre Signaturen versteckter unter, wenn überhaupt.
Der Torbogen vor dem zentralen Gebäude glühte in strahlendem Orange und verströmte einen aufdringlichen Petersilienduft. Auch hier fiel ihm nichts Besonderes auf, bis auf einen dunklen Schriftzug ganz links, wenige Millimeter über dem Boden.
Wir wären für Blau gewesen.
Auf dem grünlich schimmernden Boden kniend, mit der Nase vor dem winzigen Text, fand er endlich sein Lächeln wieder. Unverfälschte Wirklichkeit. Nur Mitglieder der Zeichner-Szene konnten etwas von dem Renovierungsstreit mitbekommen haben, der das Kernteam von Creanima vor Kurzem beinahe aufgelöst hatte.
Man hatte sich zusammen gesetzt, um das langweilig gewordene Zentralgebäude modern zu überarbeiten, war sich aber über ein paar Details nicht einig geworden, insbesondere bei der Farbe der Portale. Schließlich hatte sich eine Gruppe beleidigt abgesetzt, um eine eigene Landschaft zu entwerfen.
Der Rest, ein Team von acht Künstlern, hatte danach den größten Teil des Gebäudes unverändert gelassen und es nur für die neuen, emotionspermeablen Schnittstellen mit einer Komposition positiver Stimmungen untermalt.
Den neuen Emotionsteppich der Halle kannte er noch nicht, aber er konnte es kaum erwarten, seine permanente Hilflosigkeit vom Programm überschreiben zu lassen, wenn auch nur für ein paar Minuten. Erwartungsvoll trat er über die schmale, orange strahlende Linie und unter dem Torbogen hindurch.
Sofort wurde seine düstere Laune in den Hintergrund gedrängt, Creanimas Willkommensgruß übertönte für einen Moment alle Gedanken. Anschließend war dort nur noch Ruhe, der glückselige Frieden von jemandem, der mit der Welt und dem Leben lässig fertig wurde – ein Zustand, den Rihm wohl niemals erreichen würde.
Entspannt lehnte er am Geländer der breiten Rampe, die als Spirale vom Dach bis zum Keller an der Innenseite der Halle entlang lief, und ließ den Blick einem fliegenden Blatt hinterher schweifen, zum Baum in der Mitte, den hinter grünen Ästen kaum sichtbaren Stamm hinab auf den von weichem Moos überwucherten Boden.
Der Keller, war dort nicht etwas? Auf einmal erinnerte er sich an eine matt silberne Metalltür, die Cle ihm einmal gezeigt hatte. Dahinter führte ein Tunnel direkt in eine Grotte unter dem Strand, in der man durch eine Glasscheibe bunte Fische beobachten konnte. Letztens sollten Seepferde und in Gebärdensprache gestikulierende Wasserpflanzen dazu gekommen sein, der Programmierer dahinter gab sich große Mühe.
Für zwei Sekunden ließ er die Ortszeit von Deutschland vor sich aufleuchten. Dort war es Abend, gleich viertel nach zehn. Wenn Lissa ihn nicht gerade mit einer verrückten Neuentwicklung aufhielt, oder ausgerechnet heute die Infrastruktur des Landes auseinander fiel, würde der technische Administrator von Deutschland bestimmt wieder hier herum hängen und seinen Ozean verfeinern. Dem könnte ich rein zufällig über den Weg laufen, fiel ihm sogleich ein.
Die Idee regte ihn so sehr auf, dass sie sogar die im Raum schwebende Ruhe ein wenig zurück drängte. An aufwärts und abwärts spazierenden Besuchern und auf dem Geländer sitzenden Grüppchen vorbei rannte er den Spiralweg nach unten, bis die Wände grün von Moos waren, dunkelblau duftende Waldluft mit den unteren Zweigen des Baumes spielte und in einer Ecke des asymmetrisch verwinkelten, regelrecht verspielt geformten Kellerstockwerks die hellgraue Tür im Dämmerlicht schimmerte.
Die silberne Platte schob sich vor ihm beiseite, salziger Wind strömte sanft und kühl aus dem dahinter liegenden Tunnel. Außerhalb des Hauptgebäudes begann der Bereich eines anderen Teams. Rihm bereitete sich in Gedanken darauf vor, sich gleich wieder beschissen zu fühlen, sobald die künstliche Projektion von glücklicher Ruhe abgeschaltet wurde.
Natürlich passierte genau das. Strand und Ozean waren mit keiner Stimmungskomposition unterlegt. Die ungeschminkten Tatsachen fielen wie von der Decke stürzende Steine auf ihn nieder. Er war allein. Wer auch immer ihn aus der Einzelzelle mit Netzanschluss befreien würde, könnte auch nur eine weitere Illusion sein, es gab kein garantiert reales Entkommen. Was blieb, war die weltweite Simulation, ein schillernder Tanz der Bitströme.
Ziemlich hoffnungslos, aber noch nicht völlig verloren, tastete er sich durch die Höhle voran. Die Wände summten warnend, wenn er ihnen zu nahe kam, jeder Stein spielte eine leise Melodie vor sich hin. An den Tönen entlang, dem lächerlich frischen Wind folgend, fand er ganz leicht die Panorama-Grotte unter dem Meer.
Über sich die Glasplatte, durch die man nach oben ins Wasser schauen konnte, griff er in die Luft, um die Auswahlleiste zu öffnen. Ein Viereck aus sechs Schaltern erschien direkt vor seinen Fingern. Mit dem zweiten Knopf der oberen Reihe schaltete er in den Entwurfsmodus um. Die unterirdische Halle löste sich um ihn herum auf und machte Platz für ein helles, geräumiges Atelier.
Die Wände des rechteckigen Zimmers waren von groben Skizzen bedeckt, halbfertige Objekte lagen hier und da auf dem Boden. Ungefähr zehn Meter weiter hinten saßen vier Zeichner auf dem hellbraunen Holzboden und diskutierten einen schwarzweißen Entwurf.
