OFF TOPIC

Tagebuch einer Handelsreisenden

Eine junge Sumpfechse vom Planeten Aharata wagt sich an eine Ich-AG als fliegende Marktfrau

Tag 1.
Ich führe jetzt auch so ein beklopptes Tagebuch. Wenn mir sonst keiner zuhört, dann muss ich eben mit mir selber reden, oder mit dieser sinnlosen weißen Fläche. Na, du weiße Fläche, was soll ich denn diktieren? Mir fällt nichts ein, das ich jemals wieder lesen wollte.

Tag 2.
Wieder so ein Tag. Weißt du, was der Typ von nebenan vorhin erwähnt hat? Natürlich nicht, du sinnlose weiße Fläche. Also, der bildet sich ein, er fände meine Hautfarbe schön. Hey, ich weiß selbst am besten, dass ich langweilig aussehe. Grün mit einem Schimmer von Blau, na toll, so sieht hier mindestens jeder Fünfte aus. Alle meine Geschwister sind bunter, unsere Familie deckt das ganze Spektrum des Regenbogens ab. Und wer hat die dunkelgrün-blauen Schuppen abbekommen, von der Schnauze bis zur Schwanzspitze? Ich, wer sonst. Sogar die Tante von der Berufsberatung sieht mit ihrer roten Schuppenhaut interessanter aus, wenn das Licht richtig fällt.

Tag 4.
War wieder bei der Berufsberatung. Mir gefällt einfach nichts, was hier in der Stadt gebraucht wird. Händlerin wollte ich immer werden, aber dabei kann einem niemand helfen. Man braucht einen eigenen Wagen, genug Startkapital, und ein paar gute Kontakte können auch nicht schaden. Weißt du was, blödes Tagebuch? Ich kratze jetzt meine letzten Währungseinheiten zusammen, und wenn es nicht für ein kleines Wohnmobil reicht, dann verschwinde ich per Anhalter. Aber es wird schon reichen, ich habe die letzten Jahre ja nur gespart, und von dreckigen Verkäufern über den Tisch ziehen, lasse ich mich schon lange nicht mehr.

Tag 4, Nachtrag.
Na also, ich bin wieder zu hause, in meinem Zimmer, das hoffentlich nicht mehr lang meines sein wird. Ich komme gerade vom Stadtrand, wo die Gebrauchtwaren-Händler sich täglich gegenseitig bescheißen. Bin mein halbes Taschengeld plus die goldenen Armreifen losgeworden, dafür hab ich jetzt mein eigenes, kleines Raumschiff. Keine Ahnung, warum es der Typ ausgerechnet auf meinen alten Schmuck abgesehen hatte. Jedenfalls wollte er die Dinger unbedingt haben, und hat mir dafür einen großen Teil vom Kaufpreis erlassen. Komischer Typ, aber egal.

Tag 5.
Bin noch eine Weile unterwegs, also kann ich auch ein bisschen weiter schreiben. Kurz gesagt: Ich fahre jetzt Taxi. Hab mich auf dem Großmarkt danach umgehört, wer gerade was an- und verkauft, und wohin weiter fliegt. Über die Lage daheim auf Aharata fluchen alle nur. Dort gibt es momentan nichts zu holen, was sich anderswo gut verkaufen ließe. Aber zum Glück habe ich zwei Leute getroffen, die diese öde Provinz auch zu gerne verlassen wollten, und mitsamt ihren Ersparnissen auf der Suche nach einem billigen Transfer nach Mikarettan waren. Soll ein schöner Planet sein. Etwas näher an der Hauptstadt, und mit entsprechend größeren Siedlungen.

Tag 8.
Endlich hab ich, was ich wollte. Einen Laderaum, und anständige Ware für den nächsten Markt. Als wir neulich auf Mikarettan gelandet waren, haben meine Fahrgäste mich tatsächlich ehrlich bezahlt. Auf dem Planeten konnte ich ein paar Tonnen der nur dort wachsenden Äpfel einkaufen, die sind jetzt sicher im leer geräumten Mitfahrer-Bereich verstaut. Die rissigen Sitze hab ich raus geworfen und an einen Schrotthändler verscherbelt. Langsam fängt die Reise an, Spaß zu machen. In welchen Winkel wird es mich nächste Woche verschlagen? Ich kann es kaum erwarten, das heraus zu finden. Zum ersten mal fühle ich mich irgendwo zu hause; es fing an, sobald dieses sumpfige Dorf außer Sicht war, sobald die Außenkamera zur noch Sterne gezeigt hat. Die Ewigkeit da draußen scheint mich zu mögen.

Tag 10.
Endlich habe ich wieder einen Moment Zeit für dich fast noch leeres Tagebuch. Übermorgen kommen wir in der Hauptstadt der Mereto-Provinz an. Sagte ich &qout;wir&qout? Mein Mobil, die Ewigkeit, und ich. Wir werden ein perfektes Team, wenn es so weitergeht.

Tag 13.
Entweder der Spiegel lügt, oder ich habe einen Pickel. Die blaue Panzerschuppe über meinem linken Nasenloch ist ganz rot. Vorhin habe ich versucht, eine gute Hautcreme zu kaufen, was in einer größtenteils von Pelzwesen bewohnten Siedlung gar nicht so einfach ist. Musste wiedermal Metallpolitur panschen. Jedenfalls weiß ich dadurch, was genau drin ist, und irgendwann gliedere ich meinem Marktstand eine kleine Apotheke für weit Gereiste an.

Tag 20.
Sieh mal einer an, die Idee mit der Apotheke hat sich schon gelohnt! Seit die anderen Händler auf dem Großmarkt gezielt zu mir kommen, laufen die Geschäfte noch besser als bisher.

Tag 30.
Irgendwie hab ich zu viel anderes im Kopf, als regelmäßig Tagebuch zu schreiben. In weniger als einer Stunde wird mein Weg einen Asteroidenschwarm kreuzen. Profis fliegen mit manueller Steuerung mitten da durch, aber ich mache lieber einen kleinen Umweg. An dem Stern, der schon jetzt am hellsten in die Außenkamera leuchtet, kann ich Treibstoff sparend Schwung holen, dann kostet mich der Kurswechsel nicht einmal etwas.

Tag 6058.
Hey, wer bist denn du? Unglaublich, dass ich dich hier wieder finde, altes Tagebuch! Wenn du schon einmal da bist, unerwartet aufgetaucht unter den Trümmern eines zertretenen Schranks, kann ich auch nebenbei weiter diktieren. Also, das ist so, ich bin ausgeraubt worden. Gestern Abend. Jetzt räume ich gerade mein Raumschiff auf, wo das reinste Chaos herrscht. Ich war am Nachmittag noch bei einem geplanten Treffen mit einem anderen Händler. Ein Bekannter hatte ihn mir empfohlen, nachdem ich erwähnt hatte, dass ich demnächst die karalitischen Kolonien durchfliege. Dort leben sehr viele Vogelartige, das heißt, Nüsse sind dort immer gefragt. Ich treffe also diesen Mann, kein echter Reisender, nur ein pendelnder Kaufmann, und tausche meine Kollektion handbemalter Teppiche gegen das gleiche Gewicht in gemischten Nüssen, die er regelmäßig von Miralon heran schafft und hier eintauscht. Als ich damit zu meinem Schiff zurück komme, ist noch alles in bester Ordnung. Ein weiterer erfolgreicher Tag in einer schon länger anhaltenden Serie, denke ich mir, heute Abend gehe ich erstmal in Ruhe spazieren, um mich persönlich davon zu überzeugen, dass die grüne Ebene hinter den Hügeln da drüben wirklich so schön ist, wie alle hier behaupten. Ist sie. Wirklich. Ein wunderschönes, strahlendes, duftendes Land. So zwischen Abend und Nacht komme ich zurück ins beste Viertel der Stadt, freue mich auf mein warmes Zuhause, und was muss ich sehen? Die Klappe zum Laderaum ist aufgebrochen worden, alle Schränke zertrümmert und durchwühlt, der Bordcomputer summt mit für jeden freigegebenem Vollzugriff vor sich hin, und ein Teil meines Schmucks ist weg. Horror, nimm deinen Lauf!

Tag 6058, Nachtrag.
Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, was die Typen genau wollten. Das Geld ist noch da, die Ware haben sie ebenfalls zurück gelassen, und die Perlenketten liegen wild in meinem Zimmer herum, teilweise zerrissen. Grundsätzlich hätte ich mich kaum gewundert, dass jemand meint, bei mir wäre etwas zu holen. Ist es ja auch. In den letzten Jahren verkehre ich fast nur noch unter den Reichen und Schönen, parke mein Mobil in schicken Gegenden – nun ja, altes Tagebuch, du könntest es dir vorstellen, wenn du aufs Denken programmiert wärst. Aber diese Wegelagerer waren nicht hier, um zu stehlen, sie haben etwas Bestimmtes gesucht.

Tag 6059.
Im großen und ganzen herrscht wieder Ordnung. Ich bin jetzt auf dem Weg in die karalitischen Kolonien, der Antrieb hat zum Glück keine Schäden abbekommen. Seit heute Morgen bin ich im Laderaum auf keiner Nuss mehr ausgerutscht, was heißt, dass auch die überall verstreute Ladung wieder sortiert ist.

Tag 6049, Nachtrag.
Endlich bin ich mit der Inventur fertig. Es fehlt tatsächlich nichts, bis auf den Goldschmuck aus dem eingeschlagenen Schränkchen in meinem Zimmer. Der hat wohl jemandem spontan gefallen. Ich muss nur die ganze Sicherung meines Bordcomputers neu einstellen. Das komplette Rechtesystem haben die zerhackt, und alle Datenbanken entschlüsselt. Zur Hölle, welches Geheimnis könnte jemand bei mir vermuten?

Tag 6065.
Morgen kann ich wieder ruhig schlafen. Gerade arbeiten vier Mechaniker rund um mein Mobil herum, und montieren die modernste Hüllenpanzerung, die man im Umkreis von fünfzehn Lichtjahren bekommen kann. Der Meister hat versucht, mir auch eine Strahlenkanone zu aufzuschwatzen, aber das wäre mir zu viel. Ich werde schließlich nicht direkt bedroht, die Schutzschilde sollen uns nur vor weiteren Verwechslungen schützen. Hab ich schon wieder &qout;uns&qout gesagt? Das Raumschiff, die Ewigkeit, und ich. Je wacher man mit sich selbst zusammen ist, desto seltener ist man allein.

Tag 6066.
Hab die Strahlenkanone doch einbauen lassen. Schaden kann es nicht, und leisten kann ich mir dieses Extra erst recht. In manche Provinzen darf ich damit natürlich nicht mehr ohne weiteres hinein, aber das macht nichts, andere Reisende arrangieren sich schließlich schon lange mit den Gesetzen der Sperrzonen. Man macht einen Bogen um den verbotenen Raum, oder man legt eine Pause am Grenzposten ein, und lässt alle Verteidigungssysteme von den Beamten versiegeln. Praktisch hat man also weiterhin freie Bahn, sogar ein paar Pausen zusätzlich.

Tag 6071.
Ja, ich denke noch daran, ab und zu ins Tagebuch zu schreiben. Ich habe nur das traumhafte Glück, dass nichts Bemerkenswertes passiert ist. Gestern war ich auf einem Planeten, der von zwei Kulturen parallel bewohnt wird. Auf dem Land liegen ein paar gewöhnliche Siedlungen von allen möglichen Landbewohnern, bunt gemischt wie überall, mit Krallen, Fingern, Fell oder Fühlern. Weit draußen im Ozean liegt ein weiterer interstellarer Marktplatz, auf dem sich die Wasserbewohner versammeln. Dort hätte ich es noch ein paar Tage aushalten können, die Stadt auf dem Meeresboden ist ein wahres Paradies. Aber irgendwie hält mich nichts lange am festem Boden, sobald es ging musste ich einfach nach hause in den Weltraum. Und trotzdem – dieses kristallklare Schillern in den Luftblasen, die rosa blitzenden Muscheln an allen Wänden, das alles ist noch gar nichts gegen die freundlichen Bewohner! Ein völlig Fremder hat mich einfach so in seine Höhle eingeladen, damit ich seinen Kindern von fernen Welten erzähle. Lustig sahen sie aus, wie hellblaue Wasserschlangen mit unzähligen Armen, und ihre Nahrung ist meiner erstaunlich ähnlich. Wenn ich nicht überall in der Stadt mein Atemgerät tragen müsste, hätte ich nach dem tollen Abendessen bestimmt auch bei ihm übernachten dürfen, aber leider kann ich nur Luft atmen, und dieses Ding vor der Nase ist auf Dauer etwas lästig. Darum bin ich spät abends zurück in mein Mobil geschwommen, hab in der Luftschleuse erstmal tief durch geatmet, und mich darüber geärgert, dass ich keine Kiemen habe. Dabei bin ich doch ein Reptil, so wie die meisten Wasserbewohner! Dummerweise bin ich aber eine Luft atmende Sumpfechse, deren metallische Schuppen sich im Salzwasser früher oder später entzünden würden. Schöner Mist! Wie gut, dass ich Planeten sowieso nicht leiden kann.

Tag 6073.
Ist es Zufall, oder fliegt das fremde Schiff da draußen absichtlich meine Route nach?

Tag 6074.
Auf diesem langen Flug habe ich mir die Zeit genommen, zur Abwechslung einmal über Gesundheit nachzudenken. Der Biomat nebenan im Bad hat mir heute Morgen ein biologisches Alter von ungefähr 16 Jahren bestätigt, laut Datenbank liegt mein Kalender-Alter bei 27 Jahren. Kosmische Standard-Jahre, also 500 Tage pro Jahr, bei 50 Stunden pro Tag. Es ist schon irre, was die stetige Strahlung aus macht. Zwölf Jahre lebe ich schon zwischen den Welten, und bin dabei nur ein Jahr älter geworden.

Tag 6078.
Gerade habe ich einen Parkplatz geortet, und leite jetzt den Landeanflug auf Zaciris ein. Das komische, fremde Schiff ist fast noch in meinem Windschatten aus dem Hyperraum-Tunnel geglitten. Ich befürchtete schon, der verfolgt mich, aber jetzt hab ich ihn aus den Augen verloren.

Tag 6079.
Wir sind wieder unterwegs, diesmal ohne Verfolger. Meine Güte, ich hatte echt Angst, dass ich schon wieder verwechselt werde. Aber jetzt scheint alles in Sichtweite ruhig und verlassen zu sein, was für eine Erleichterung! Rate mal, was ich mir auf Zaciris tolles gekauft habe! Ach nein, du kannst ja gar nicht raten, bist ja nur ein dummes Tagebuch. Dieser dunkelbraune Knopf, hier in meiner Hand, ist ein spannendes neues Spielzeug, ein telepathisches Diktiergerät. Damit kann ich meine Gedanken mitschreiben lassen. Soll ich es gleich einmal ausprobieren? Klar soll ich das! Wie hat der Verkäufer es mir vorhin noch gezeigt? Also, die haftende Unterseite kommt an den Hinterkopf, auf die Stelle wo der Hals anfängt. Mal sehen, ungefähr da. Um da hinten etwas sehen zu können, muss man sich ja fast das linke Auge verrenken. Nicht ganz, es leuchtet noch gelb. Etwas weiter links muss der Punkt sein. Ja, genau, jetzt leuchtet es weiß. Hat der Bordcomputer Kontakt gefunden? Tagebuch, mit dir rede ich. Hörst du mir überhaupt zu? Hat der Bordcomputer endlich das verschlüsselte Signal erkannt? Dann schreib mit! Ab jetzt werde ich nicht mehr mit dir quatschen, sondern nur noch ab und zu die langweiligen Passagen löschen.

Tag 6079, Nachtrag.
Jetzt bekomme ich langsam Bauchschmerzen. Die Annäherungssensoren haben gerade ein anderes Mobil in der Nähe gemeldet. An sich ist das nichts Besonderes, aber es ist schon wieder diese Signatur. Das vorbei fliegende Raumschiff sendet die gleiche ID wie mein fast schon vertrauter Verfolger. Wenn es denn vorbei fliegt. Noch ist es ein bisschen hinter mir, knapp drei Lichtjahre entfernt, aber auf gleichem Kurs, irgendwie unheimlich. Was geht hier überhaupt vor? Vielleicht sollte ich den Fremden einfach mal ansprechen, und ihn ganz direkt fragen, was er die ganze Zeit hinter mir macht. So geht das echt nicht weiter, ständig rede ich mir selber Angst ein, schaue bei jeder harmlosen Meldung auf das Sensoren-Protokoll, und im besten Fall ist alles nur ein großer Zufall. Aber nicht hier draußen. Ich funke nicht einfach so ein mysteriöses Mobil an, dessen Besitzer im schlimmsten Fall irgendeine geheime Information in meinem Kopf vermutet, während das nächste Zeichen von Zivilisation zwei zäh fließende Flugtage entfernt ist. Obwohl ich mich nicht alleine fühle, wäre ich doch auf mich gestellt. Meine treuen Gefährten können mich nur beruhigen, aber helfen würden sie kaum. Das Raumschiff, die Ewigkeit, und ich. Mein Raumschiff könnte im Notfall doch etwas helfen, ich hab da ja mal diese Strahlenkanone installieren lassen. Funktioniert das Teil überhaupt? Hoffentlich muss ich es nie testen.

Tag 6085.
Das fremde Mobil ist noch zweimal aufgetaucht, stört mich aber nicht mehr so sehr. Vorhin, an einem Asteroidenfeld, hat es mich sogar überholt, und ist seitdem verschwunden. Gut so. Normalerweise bin ich nur schwer zu beeindrucken, aber diese Flugkünste waren wirklich nicht schlecht. Ich bremse leicht ab, wie immer, bevor ich zwischen die Felsen fliege, und nehme den Pfad mit den größten Abständen, da rast auf einmal etwas von hinten heran, zieht in irrem Tempo zwischen zwei Asteroiden hindurch, so das man fast glaubt, ein Zischen dabei zu hören. Ein Rennwagen kann das, klar, aber das Sensoren-Protokoll behauptete, dass es ein Mittelklasse-Transporter war, meinem ziemlich ähnlich. Natürlich hatte es auch die ID meines unbekannten Schattens, ich hab schon gar nichts anderes mehr erwartet. Für ein paar Minuten ist er dann erstmal weg, denn er wird von dem vielen Stein gegen meine Sensoren abgeschirmt. Ich taste mich weiter auf dem sinnvollsten Weg durchs graue Geröll, und als ich hinter einem größeren Felsen auftauche, sehe ich das andere Mobil still im Schatten eines Asteroiden warten. Von der anderen Seite muss er dort völlig unsichtbar sein. Auf dem Wärmebild erkenne ich ihn auch nur, weil ich jetzt direkten Blick auf ihn habe. Also bleibe ich ebenfalls stehen, und warte ab, was der andere macht. Ganz langsam und vorsichtig fährt das fremde Schiff vier externe Kameras aus, scannt damit an seinem Versteck vorbei, und beschleunigt dann wieder. Fliegt über das Versteck hinweg, und wiederholt das Spiel am nächsten großen Felsen. Der Fremde erwartet offensichtlich, dass ihm jemand von vorne auflauert, gut abgeschirmt durch magnetisches Gestein. Einerseits beruhigt mich das, denn ich bin ihm völlig egal. Aber wer oder was macht dieses Asteroidenfeld unsicher? Einen Teil des Feldes durchquere ich in geringem Abstand hinter dem Fremden, nur um sicher zu gehen, dass nicht wirklich jemand hinter einem Felsen angreift. Nach einer Weile finde ich dann aber einen ganz einfachen, überschaubaren Pfad, der ohne ernsthafte Hindernisse in den freien Raum zurück führt. Der Fremde hat es nicht so eilig, irrt weiter auf möglichst geschützten Wegen durch die Asteroiden, als wenn er sich vor jemandem verstecken muss. Hier draußen, auf der anderen Seite, ist aber nichts. Ein paar Minuten beobachte ich noch, dann denke ich mir &qout;was geht es mich denn an&qout, und setze meine eigene Reise fort. Kaum fliege ich wieder in Ruhe vor mich hin, da rast er wieder an mir vorbei, als will er schnell viel Abstand zwischen sich und das Asteroidenfeld bringen, und bremst dann ganz langsam ab. Wahrscheinlich hat er seine Geschwindigkeit wieder an meine angeglichen, und fliegt jetzt gleichmäßig vor mir her. Solange er außerhalb meiner Sensoren-Reichweite bleibt, soll es mir recht sein.

Tag 6087.
Ganz schön warm hier, in der nördlichen Wüste von Junarah. Dabei geht die Sonne gerade erst auf. Vorhin bin ich gelandet, auf einem ... nun ja, nennen wir es ... riesigen Campingplatz. Wenn man sich die Leute, ihre Raumschiffe und ihren ganzen Kram weg denkt, ist hier eine einzige, große Ebene aus braunem und gelbem Sand. Habe ich schon erwähnt, dass ich Planeten nicht leiden kann? Der Sand ist in Parzellen aufgeteilt, jeder Transporter hat ein eigenes Karo im riesigen Flickenteppich. Zwischen den Zellen laufen Wege entlang, die strenge Rechtecke bilden, und in jedem davon parken genau acht Wagen. Ich stehe mitten drin, als eine Nummer fünf; eine sandige Straße vor mir, links neben mir vier Mobile der gleichen Größenklasse, rechts von mir drei weitere. Ein paar Blöcke weiter vorne spielt wohl jemand laute Musik, von dort dringt so ein komischer, melodischer Lärm herüber. Werde mich einfach erstmal umschauen, ob ich vielleicht jemanden hier kenne.

Tag 6087, Nachtrag.
Ich gehe gerade den wer-weiß-wie-vielten Sandweg entlang. Hab tatsächlich ein paar alte Bekannte getroffen, die das Meer der Leere ebenfalls an diesen Strand gespült hat. Seltsam, wie schnell so ein Tag vergehen kann, auch nach Standard-Zeit ist schon wieder früher Abend. Ausnahmsweise hält der Himmel sich an die Standard-Zeit, und färbt sich ein kleines bisschen dunkler. Jetzt komme ich wieder in die Gegend, in der mein eigenes Mobil parkt. Eine ganze Stadt ist das hier, eine eintönige, aber auf ihre Art lebendige Stadt. Jedes Raumschiff kann jederzeit abheben, und Platz für ein neues machen. Besser als Häuser und Höhlen ist das, viel besser.

Da drüben, an der linken Seite, streiten sich zwei Vögel. Der eine, knapp zwei Meter groß, mit rot-gelbem Gefieder und grüner Stirn, sitzt in der offenen Luftschleuse eines Mobils, und schreit mit seinem spitzen Schnabel einen etwas Größeren an. Der ist so schwarz, dass er unter der hochfrequenten Sonne fast so etwas wie einen Blauschimmer bekommt. Eigentlich ist er gar kein gewöhnlicher Vogel. An den Flügeln und im Gesicht hat er zwar glatte, tief schwarze Federn, aber seine vier Arme sind von kurzem, glänzendem Fell bedeckt, und in der gleichen Farbe er hat zwei Beine wie ein Landwesen. Vielleicht sollte ich mich besser auf und davon machen. Die beiden Typen müssen ihre Angelegenheiten selber regeln, außerdem zieht mit dem blauen Sonnenuntergang ein kühler Wind in die unbefestigten Gassen ein. Die Nacht scheint kalt zu werden. Aber aus irgendeinem Grund fesselt mich dieser Anblick. Jetzt kommt der Schwarze ans Raumschiff heran, und flüstert dem Roten mit drohendem Unterton zu, dass er sich verdammt nochmal aus seinem Transporter verziehen soll. Dem Schwarzen gehört das Mobil also. Der Rote flattert auf, hackt nach dem Schwarzen, und zieht eine Neutronen-Pistole unter dem Flügel hervor. Plötzlich friert die Szene ein. Beide Vögel halten so still, wie es keine andere Kreatur fertig bringen würde. Der Schwarze liegt im Wüstensand, stützt sich mit den Flügeln ab, und die fünf sauber glänzenden Krallen am Ende seines Arms schließen sich fest um eine der roten Hundepfoten, mit denen der andere die Neutronen-Pistole auf seinen Kopf gerichtet hält. Sie starren sich an. So fest fixiert ein Augenpaar das andere, dass man meinen könnte, eine massive Verbindung dazwischen zu sehen. Die Abendsonne blitzt blau auf einer schwarzen Kralle, einem gelben Schnabel. Im Hintergrund zeichnet sich verschwommen der schwarze Text ab, den jedes Raumschiff auf der Hülle tragen muss. Kann ich meinen Augen noch trauen, denen ganz langsam die kämpfenden Vögel entgleiten, als sie die ins Schiff eingebrannte ID fokussieren? Ist es wirklich dasselbe Mobil, das die ganze Zeit mein Sensoren-Protokoll gefüllt hat?

Endlich haben sie mich entdeckt. Die ganze Zeit stand ich hier auf der Straße vor ihrer Parzelle, nicht einmal gesehen haben sie mich. Aber nun drehen sich beide Gesichter zu mir. Der rot-gelbe Vogel lässt die Pistole wieder verschwinden, während der Schwarze sich aufrichtet, und verlegen seine Flügel faltet. &qout;Du hast nichts gesehen!&qout kreischt es in meinem Kopf. Der Rote hat beide Flügel und einen Arm nach hinten abgespreizt, die zweite Pfote zeigt direkt auf mich. Keine weiche Vogelstimme ist zu hören, in Gegenteil, eine unvorstellbare Stille hat sich über die Parzelle gelegt. Die Worte landen ohne Umweg in meinem Bewusstsein, dröhnen zwischen meinen Ohren. Ein raues Kreischen, das nichts gemeinsam hat mit der Lautstimme des Vogels, wie ich sie vorhin kurz hören durfte.

Tag 6087, Fortsetzung.
Von innen ist das Raumschiff so grell beleuchtet, dass mir die Augen weh tun. Sie haben mich hier rein gebracht, und auf einen silbernen Baumstamm gesetzt, der schräg von der Mitte des Raumes zur Decke aufragt. Der schwarze Vogel musste sich auf einen Ast an der gegenüber liegenden Wand setzen, der Rote bewacht an der dritten Seite die Steuerung. Von dort aus könnte er das Mobil jederzeit abheben lassen, seine gefiederten Pfoten haben uns alle unter Kontrolle. Sie haben mich mitgenommen, weil ich zu viel gesehen habe, und jetzt hocke ich hier drinnen, und weiß nicht einmal, in was ich hinein geraten bin. Der Rote faltet lässig die Flügel auf dem Rücken, legt seine zwei Hundepfoten aneinander, und schaut mich an. Ein paar Sekunden lang sitzt er nur so da, und fixiert meine brennenden Augen, als wollte er meine Gedanken lesen. Das gelingt ihm aber nicht, ich bin definitiv nicht kompatibel. Schließlich bemüht er noch einmal seine Lautstimme. &qout;Na sag schon, was hast du gesehen?&qout Weich und fließend klingt seine Stimme, der Gesang eines Vogels. Dennoch lässt sie die Luft spürbar vibrieren, und verrät, dass er es ernst meint. Fast hätte ich brav erzählt, dass ich nur zufällig vorbei gegangen bin, da meldet sich mein alter Reptilienstolz im Hinterkopf und stellt die Frage, warum ich mich überhaupt von einem untersetzten Papageien herum kommandieren lassen soll. &qout;Was passiert denn, wenn ich es nicht sage?&qout frage ich ihn trotzig, und lasse meine metallisch blitzende Schwanzspitze auf und ab wippen, dass der silberne Ast darunter leise klingelt. &qout;Da muss ich der Echse Recht geben,&qout mischt sich nun auch der Schwarze ein. &qout;Wir sind immer noch in meinem Mobil, das macht sie zu meinem Gast, und meine Gäste werden nicht so behandelt.&qout &qout;Du halt den Schnabel!&qout faucht der Papagei ihn an, &qout;Wir werden sehen, wessen Mobil das hier ist.&qout Daraufhin richtet sich der schwarze Vogel zu seiner vollen Größe auf, er ist fast so lang wie ich, verschränkt die Krallen vor der Brust, und erklärt seine Meinung. &qout;Wie oft darf ich es wiederholen? Ich habe keine offenen Rechnungen mit dir, und eure ungeschriebenen Gesetze interessieren mich einen kalten Dreck.&qout

Tag 6087, nächste Fortsetzung.
Während die Vögel sich weiter streiten, wird mir Stück für Stück klar, wer in diesem Spiel wer ist. Der Schwarze mit den vier Armen scheint ein reisender Händler wie ich zu sein. Eine schlichte Persönlichkeit, die sich friedlich durchs Universum treiben lässt. Vor ein paar Wochen hat er sich austricksen lassen, in einem chaotischen Hafen, einem unachtsamen Moment. Eine Organisation von Waffenschmugglern hat eine gewisse Lieferung in seinem Laderaum versteckt, eingegraben in einem harmlosen Sack voll Glasperlen. Ahnungslos ist er zum nächsten Planeten aufgebrochen, wo der nächste Agent dann auf den richtigen Zeitpunkt gewartet hat, um die versteckte Ware wieder zu entführen. Bei einer regulären Inventur auf dem mehrtägigen Flug hat er die Glasperlen noch einmal gewogen, und bei einem Sack ein falsches Gewicht festgestellt, obwohl es beim Verladen auf dem Marktplatz noch gestimmt hatte. Natürlich hat er den Inhalt ausgeschüttet und genau durchsucht, wobei er eine kleine, unscheinbare Schachtel finden musste, die vierzig Einheiten einer in den meisten Provinzen dieser Galaxie verbotenen Munition enthielt. Damit war klar, dass jemand sein unbescholtenes Raumschiff missbrauchen wollte. Natürlich hat er seinen ganzen Laderaum nach weiteren nicht im Bordcomputer katalogisierten Gegenständen gescannt, und als dabei nichts noch Schlimmeres aufgetaucht war, hat er die kleine Schachtel kurzerhand zur Luftschleuse hinaus befördert.

Ich glaube, ich hätte dasselbe getan. Hoffentlich sieht mir niemand an, wie schlecht mir bei diesem Gedanken wird. Anstelle von ihm hätte es genauso gut mich erwischen können ... Moment mal, habe ich vielleicht eine geheime Nachricht übermittelt? Meine ganze Datenbank wurde vor nicht allzu langer Zeit von Unbekannten entschlüsselt. Gibt es da einen Zusammenhang, dann hänge ich schon länger in dieser Sache drin, als mir bewusst war. So ein Mist, um meine Gedanken zu ordnen, habe ich eben kurz nicht zugehört. Plötzlich flattert der schwarze Vogel von seinem silbernen Ast herunter, landet auf der Steuerungskonsole, und schubst den Roten davon weg. Letzterer verliert das Gleichgewicht, richtet sich mit einem Flügelschlag wieder auf, und da klirrt etwas kaum überhörbar auf dem Boden. Zwischen mir und dem rot-gelben Vogel liegt die Neutronen-Pistole auf rau geschliffenem Granit. Ein langer Moment vergeht in absoluter Stille. Auf dem Boden liegt die Waffe, nur eine Armlänge von mir entfernt, und genauso weit von ihm. Ich wage es nicht, eine falsche Bewegung zu machen, und er wohl auch nicht. Vorsichtig drehe ich ein Auge nach oben, schaue ihn an. Als unsere Blicke sich treffen, kann man die Luft fast knistern hören. Da fällt mir auf, dass ich im Vorteil bin, denn meine Augen lassen sich einzeln bewegen. Ein Auge beobachtet das Ding auf dem Boden, das andere ist im Hypnose-Blick des Papageien gefangen. Seine Augen sitzen starr im Kopf, er kann unmöglich gleichzeitig sehen, was oben und unten passiert. Jetzt bloß kein Geräusch machen! Das ist gar nicht leicht, wenn man in jeder Muskelfaser dieses Zerren spürt, diese brennende Spannung, dass gleich etwas geschehen wird. Unauffällig kralle ich mich mit den Füßen fester an den Baumstamm, damit ich den Schwanz nicht mehr zum Festhalten brauche. Augen zu und durch! Im Bruchteil einer Sekunde lasse ich meinen grün-blau geschuppten Echsenschwanz herunter schnellen, treffe metallisch klirrend die Neutronen-Pistole, und schleudere sie hoch. Sie landet in meiner rechten Hand, eine Kralle verhakt sich im Auslöser und bricht ab.

Jetzt ist die Stille noch weniger zu ertragen. Der rote Vogel zieht ein entspanntes Gesicht, fast so etwas wie ein Lächeln, pfeift zuversichtlich &qout;Sie werden mich abholen&qout, und blinzelt kurz mit beiden Augen. Einen Moment brauche ich, bis mir einleuchtet, was passiert ist. Garantiert trägt der Typ ein telepathisch gesteuertes Funkgerät im Gefieder, und hat soeben sein treues Gefolge gerufen. Ein leises Klingeln von Stein auf Metall, direkt auf meiner Haut, zieht meinen Blick nach hinten. Dort steht der schwarze Vogel. Mit einem seiner riesigen, schwarz glänzenden Krallenfinger berührt er meine Schulter, und flüstert mir ins Ohr. &qout;Lass ihn lieber gehen,&qout höre ich aus der melodisch summenden Stimme heraus, &qout;sonst wird alles nur noch schlimmer.&qout Damit hat er natürlich Recht. Jeden Moment kann eine Mafia-Bande die Tür aufbrechen, und ich will gar nicht wissen, was mit uns beiden passiert, wenn sie ihren Kollegen nicht hier finden. Stumm zeige ich zum Ausgang, und schicke den Roten hinaus in den nächtlichen Wüstensand. Kaum steht die Tür offen, höre ich Stimmen und schwere Schritte. Staub wird aufgewirbelt, und durch die sandige Wolke hindurch erkenne ich die Umrisse von vier Personen.

Tag 6088, falls es schon Morgen ist.
Über uns verschwindet das Raumschiff in den Nachthimmel. Hustend finde ich mich selbst im Sand wieder, trotz des weichen Bodens pocht ein dumpfer Schmerz in meinem rechten Arm. Die leere Parzelle ist dunkel und verlassen, aber von den benachbarten Mobilen fällt genug kaltes Scheinwerferlicht herüber, dass ich die Gestalt neben mir gut sehen kann. Es ist der schwarze Vogel, seine langen Finger schimmern im unscharfen Licht wie schwarze Diamanten. Ich bin noch einmal davon gekommen, aber was soll jetzt aus ihm werden? Sein Raumschiff mit seinem ganzen Besitz haben die Fremden entführt, nun wird er hier unten festsitzen.

Tag 6088, ganz sicher.
Ich habe den Vogel mit in mein Mobil genommen, es stand unversehrt in der Parzelle. Auf dem Weg dort hin hat er anfangs wie in Trance gewirkt, als wollte er auf keinen Fall verstehen, was passiert ist. Jetzt ist die Situation endlich in seinem Bewusstsein angekommen. So wie es aussieht, wird mir nichts weiter übrig bleiben, als ihn mit zu nehmen. Einen Raumfahrer auf einem Planeten zurück zu lassen, wäre Mord auf Raten. Das ist eine der Tatsachen, die sesshafte Leute nie verstehen. Die allgegenwärtige Strahlung im Weltall bremst den Alterungsprozess auf nahezu Null. Habe ich schon erwähnt, dass ich in den letzten zwölf Jahren nur um ein knappes Jährchen gealtert bin? Auf den Oberflächen so gut wie aller Planeten fehlt diese Strahlung, folglich würde unsere Lebenszeit an dem Punkt weiterlaufen, wo sie mehr oder weniger stehen geblieben ist. Natürlich kommt das bei jedem Aufenthalt vor, aber normalerweise verweilt man nicht lange an einem Ort. Wer nichts anderes kennt, wird nie verstehen, was daran so schlimm ist. Man stelle sich vor, man hat eine lange Zeit hinter sich, und den Rest der Ewigkeit noch vor sich. An einen Planeten gebunden, vergeht das Leben in einem Wimpernschlag, und man verliert mehr Jahre, als ein sesshaftes Wesen sich vorstellen kann. Nach, sagen wir mal ... ungefähr hundert Jahren auf der Oberfläche ist alles vorbei, das ist nichts, ein kurzer Moment gegen die weit über tausend Jahre, die man verpassen wird, indem man nicht weiter fliegt.

Der schwarze Vogel vor mir, dessen Namen ich auch nicht aussprechen könnte, wenn ich ihn mir merken könnte, hat nicht nur ein Mobil samt Inhalt verloren. Aus Sicht eines Raumfahrers steht damit auch sein Leben auf dem Spiel. Ich habe bestimmt schon notiert, dass ich Planeten nicht leiden kann, aus ziemlich vielen Gründen. Ein flehendes Bündel aus Federn und Fell kniet vor meinen Füßen auf dem hölzernen Boden. Tränenbäche glitzern rund um seine dunklen Augen, als er mich bittet, fast schon anbetet, ihn nicht hier unten zurück zu lassen. Die Vorstellung, mein Mobil und meinen Sternenhimmel mit jemandem teilen zu müssen, geht mir gründlich gegen den Strich. Aber was soll ich sonst machen?

Tag 6089.
Mein Raumschiff, die Ewigkeit, und ich – endlich sind wir wieder gemeinsam unterwegs, und neuerdings nicht mehr allein. Wir haben jetzt einen Gast auf unbestimmte Zeit. Vorhin hatte ich die Gelegenheit, mir diesen schwarzen Vogel einmal genau anzusehen. Im großen und ganzen hat er eindeutig einen Vogelkörper, seine zwei Beine sind aber zum Laufen geschaffen, und die vier Arme, die er zusätzlich zu den langen Flügeln hat, sind von kurzem Fell statt Federn bedeckt. Alles an ihm ist glatt, tief schwarz, und schimmert bläulich in direktem Licht. Es muss dieser geheimnisvolle Blauschimmer sein, der mich kaum noch weg schauen lässt. Die vier Hände an den Armen bestehen aus jeweils vier großen Krallen, wie lang gezogene Kegel aus schwarzem Edelstein. Erst dachte ich, die kräftigen Greifer wären starr, und hab mich gewundert, dass er damit überhaupt etwas anfangen kann. Aber das stimmt nicht, jede Kralle kann er einzeln verbiegen, und zwar stufenlos, ohne Gelenke. Dadurch sind sie genauso flexibel wie meine Finger wären, wenn sie unendlich viele Knöchel hätten. Ein kleines bisschen durchscheinend sind sie auch, manchmal sieht man einen schwachen Lichtstrahl hindurch fallen; und die fließende Eleganz, mit der er seine Finger bewegt, wirkt wie ein Tanz im Takt der Klicklaute, die jede Berührung fester Oberflächen auslöst. Ich könnte ihn stundenlang Erbsen sortieren lassen, nur um diesen Krallen zuschauen zu dürfen. Wie die meisten Vögel, hat er einen Schnabel im Gesicht, aber es ist kein normales, längliches Werkzeug, eher ein verhornter Ansatz, oder ein nur ganz kurzer Schnabel. Darüber, seitlich am Kopf, leuchten zwei klare Augen in dem reinsten Schwarz, das ich je gesehen habe. Insgesamt ist sein Gesicht nicht gerade beweglich, was seine Mimik auf ein Minimum einschränkt, und trotzdem strahlen diese Augen eine Aura von Erfahrung und Aufmerksamkeit aus, wie man es nur selten sieht.

Tag 6090.
Gestern habe ich meinen für mich weiterhin namenlosen Freund gefragt, wie lange er schon auf Reisen ist. Eigentlich hatte ich angenommen, ich sei mit meinen bald dreizehn Jahren gut im Rennen, jedenfalls kein blutiger Anfänger mehr. Um so mehr hat mich seine Antwort beeindruckt. Seit 827 Standard-Jahren arbeitet er schon zwischen den Welten, hangelt sich von Planet zu Planet, ohne jemals umzukehren. Sein Weg enthält so gut wie keine Schleifen. Man fragt niemanden danach, wo er her kommt, das wäre extrem unhöflich, aber mir wird es noch ein paar Tage nicht aus dem Kopf gehen. Wie viele Galaxien mag er durchquert haben, seit er zum ersten mal ein Raumschiff betreten hat? Übrigens war ich heute schon einmal unhöflich, hab mir vom Badezimmer sein biologisches Alter petzen lassen. Keine fünf Jahre älter als ich ist er, obwohl er mir dem Kalender nach 800 Jahre voraus ist. Entweder seine Spezies lebt von Natur aus extrem lange, oder die Strahlung wirkt sich bei ihm stärker aus. Nachher werde ich mir etwas viel wichtigeres erklären lassen: Warum er mir die ganze Zeit hinterher geflogen ist.

Tag 6090, Nachtrag.
Jetzt sitzen wir also hier, auf den hell lackierten Ästen im vorderen Teil meines Mobils, wo ich einen großen Teil der letzten zwölf Jahre verbracht habe. Ich warte. Ich warte auf eine schlüssige Erklärung. Vielleicht warte ich auch ein klein wenig darauf, ein paar Minuten lang diese weich summende Stimme zu hören. &qout;Du weißt ja, diese Waffenschmuggler waren hinter mir her,&qout fängt er die Geschichte an, &qout;und ich hatte einfach Angst davor, dass sie mich im freien Raum abfangen.&qout Eine Pause entsteht, während er nach neuen Worten sucht. Ich lasse ihm alle Zeit die er braucht, wenn ich dafür nur alles erfahre, was ich wissen muss. Schließlich hebt er eine schillernde Hand, zeigt um sich herum, auf den Raum, auf das Schiff, und redet weiter. &qout;Dein Mobil ist eine Festung, ich wollte es in meiner Nähe haben, falls ich angegriffen werde. Verstehst du, ich habe mich mein Leben lang geweigert, mein Zuhause panzern oder bewaffnen zu lassen. Ich wollte beweisen, dass man auch völlig schutzlos zurecht kommt, wenn man das richtige Verhalten beherrscht. Jahrhunderte lang hat es funktioniert. Meistens sind die Leute so, wie man selbst zu ihnen ist, und aus den Ausnahmen konnte ich mich immer irgendwie heraus winden. Ich zähle längst nicht mehr, wie viele Planeten ich besucht habe, oder wie viele Provinzen meine Route gestreift hat. Und ganz plötzlich war alles vorbei.&qout Alle sechzehn Krallen legen sich flach übereinander, sie formen ein Versteck für sein Gesicht. Wieder zittert der Vogel, wie an dem Morgen nachdem er sein Mobil verloren hatte. Schließlich beginnt er wieder zu sprechen, das Gesicht noch immer in den Händen versteckt. &qout;Sie haben mich im Hafen überfallen, und Ersatz für ihre zerstörte Schachtel gefordert. Sofort hab ich die Lage entschärft, und so getan, als ginge das in Ordnung. Dann bin ich zur Handelsbehörde gegangen, und hab alle Personen angezeigt, die ich aus dem Gedächtnis beschreiben konnte. Danach hatte ich für einen oder zwei Tage Ruhe, aber ich wusste ja, dass die Organisation mich überall finden würde. Kurz vor dem nächsten Sprung in den Hyperraum hab ich dann dich gesehen, diese Festung hier, der perfekte Schutzschild. Solange dieses Schiff in Notruf-Reichweite war, würde kaum jemand versuchen, einen hilflosen Transporter anzugreifen. Darum bin ich so gut es ging in deiner Nähe geflogen. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie leid es mir tut, dir Angst eingejagt zu haben, aber wenn ich etwas verraten hätte ... nun ja, dann hättest du erst recht versucht, mich abzuschütteln.&qout

Tag 6091.
Ich weiß gar nicht, wie lange ich mich gestern Abend noch kringelig gelacht habe. Das darf doch nicht wahr sein! Tagelang leide ich unter Verfolgungswahn, und der Verfolger hat selber noch viel mehr Angst. Ein überzeugter Gutmensch sucht meinen Schutz, und ich ergreife die Flucht. Wenn es etwas Verrückteres als das Leben gibt, soll es sich bitte bei mir melden!

Tag 6093.
Wo kämen wir denn hin, wenn man nicht mehr friedlich Handel treiben könnte, ohne sich in fliegenden Hochsicherheitszonen zu verschanzen? Auch wenn diese eine Mafia möglicherweise nur in dieser Gegend aktiv ist, werden wir nicht einfach so mit ansehen, wie es allgemein üblich wird, unbeteiligte Mobile als Versteck zu missbrauchen. Mein gefiederter Begleiter wird sein Raumschiff zurück bekommen, und falls er aus dem Vorfall gelernt hat, spendiere ich auch einen Einbruchschutz. Inzwischen bin ich gar nicht mehr so sicher, ob ich ihn wirklich wieder loswerden will. Sobald er wieder ein Mobil hat, wird er bestimmt fort sein, ganz egal, ob es sein altes oder ein neues Raumschiff ist. Irgendwie wäre das schade – für mein Mobil, die Ewigkeit, und mich.

Abstand
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