"Jetzt sei doch endlich realistisch!" bahnte Vaters Stimme sich wie durch Watte einen Weg in Marios Ohren. "Du bist ein Versager. Seit du das Unternehmen verwaltest, geht es bergab." Der junge Bereichsleiter vermied es mit großer Mühe, rot zu werden. Wieder ging die gleiche Diskussion von vorne los, bei der ihm jedesmal fast übel wurde. Einen Augenblick lang wartete er Mann am anderen Ende des Schreibtisches auf eine Antwort. Als ihm die Stille unangenehm wurde, redete er weiter auf seinen missratenen Sohn ein. "Aber du hast das nicht verdient, und die Firma erst recht nicht." "Was hat die Firma denn nicht verdient?" widersprach er, wie immer. "Okay, wir sind nicht Marktführer in jedem Bereich der Heimelektronik, aber wir stehen doch ganz akzeptabel da, ich kann mich an kein Jahr mit effektivem Verlust erinnern." Aktienkurse, Effizienz, Produktivität, Umsatzzahlen, war das wirklich alles, was zählte? Natürlich, der Verdrängungswettbewerb auf dem Endverbraucher-Markt kam einem Krieg ohne Waffen gleich, dennoch musste es doch möglich sein, auf sozial verträgliche Weise eine Marktnische zu besetzen. Share Holder Value gegen den Rest der Welt, als gäbe es letzteren nicht - nein, das konnte nicht alles sein.
"Na toll," zischte der Senior Manager ihn an, "die Katastrophe ist also noch nicht eingetreten. Willst du mir das als Erfolg verkaufen?" Mario biss sich auf die Zunge, um halbwegs ruhig zu bleiben. Sich vor anderen Leuten aufzuregen, konnte sich heutzutage niemand mehr leisten. Seit er die Elektronik-Sparte übernommen hatte, war die Stimmung unter den Mitarbeitern so gut wie nie zuvor. Seine Leute fühlten sich sicher, das konnte für die Arbeitsmoral doch nur gut sein. Aber das Personal gut zu behandeln, kostete Geld. Er fand es gut angelegt, leider stand er mit dieser Ansicht alleine da. Im lichtdurchfluteten Büro des Senior Managers, auf dem Besucherstuhl, richtete Mario sich vorsichtig auf, und schaute seinen Vater an. Bestimmt würde er ihn gleich zum zehnten mal dazu drängen, sich endlich der Operation zu unterziehen, die zuvor schon seine Schwester in einen vorbildlichen Erfolgsmenschen verwandelt hatte. Und dieses mal würde er keine andere Wahl haben, außer das Unternehmen endgültig zu verlassen. Zum ersten mal in der Geschichte würde die Geschäftsführung dann keinen Nachfolger aus der Familie haben, was praktisch bedeutete, dass er sich am besten gleich eine neue Identität kaufen sollte.
Tatsächlich fing er nach einer weiteren Atempause mit genau diesem Thema an. "Junge, wie oft muss ich es noch wiederholen, der Eingriff ist harmlos und ohne jedes Risiko. Du hättest es gleich so machen sollen wie Vanessa. Sie hat sich schon vor dem BWL-Studium operieren lassen, falls du dich erinnerst. Drei Jahre später hat sie ihre Firma gegründet, und heute ist das Unternehmen konkurrenzloser Marktführer in allem, was mit Mais zu tun hat. Genauso wirst du unsere Elektronik-Sparte an die Spitze bringen, hast du verstanden? In drei Jahren will ich keine fremden Marken mehr sehen, die uns das Monopol streitig machen. Du bist nicht zu dumm, nur deine kindischen Gefühle stehen dir ständig im Weg." Im letzten Satz schob der Senior Manager seinen Taschencomputer über den Tisch, der einen Terminkalender anzeigte. Darin war ein Termin in zwölf Tagen eingetragen, Vater hatte offenbar ohne ihn zu fragen einen Zeitplan mit der Klinik für Lifestyle-Chirurgie ausgehandelt. Mario nahm den kleinen Bildschirm in die Hand, um ein paar Sekunden zu gewinnen, und strich nachdenklich mit dem Finger über die leuchtende Folie. Es stimmte ja, alle Berater hatten Recht. Er ließ sich von zu viel Gewissen beeinflussen. Von den Angestellten in seiner Abteilung hätte er schon vor Monaten zweitausend kündigen können, hätte er sie nur nicht ständig als Menschen gesehen. Genauso wäre es sein Job gewesen, diese kleine Studenten-Firma in den Ruin zu klagen, als das Erkennungsprogramm für Patentverletzungen, das rund um die Uhr auf dem Großrechner der Firmenzentrale lief, eine nicht lizenzierte Nutzung einer geschützten Vorgehensweise meldete.
Seine Schwester hatte alles besser gemacht. Sie hatte im letzten Semester einen reichen Bauern geheiratet, seinen Hof zum streng rationalisierten Produktionszentrum ausgebaut, und ihn dann von einer etablierten Biotech-Firma kaufen lassen. Dadurch fielen ihr alle nennenswerten Maissorten-Patente zu, und anstatt weiter Lizenzen an alle Bauern der Welt zu verkaufen, setzte sie durch, dass der Vertrieb an unabhängige Betriebe komplett eingestellt wurde. Nur auf ihrem Land durften die aggressiven, hochgradig resistenten Sorten angebaut werden, und wer beim illegalen Anbau erwischt wurde, den ließ sie von gut befreundeten Richtern zu so hohen Geldstrafen verurteilen, dass sie ihr ganzes Land an die Biotech-Firma verkaufen mussten. So war der Agrarkonzern gewachsen, und war heute Monopolist im globalen Maisanbau. Vanessa war bis vor wenigen Monaten Vorsitzende gewesen, bis sie alle Aktien zurück gekauft hatte, und jetzt alleinige Besitzerin des Unternehmens war. Geld war für sie kein Thema mehr, Macht dafür um so mehr. Was aus ihrem Bauern geworden war, mochte der Himmel wissen. Mario dagegen hatte sich immer geweigert, sich der zentralnervösen Operation zu unterziehen, die, wie man sagte, aus dem aufrechten Affen erst einen Menschen machte. Bei dem harmlosen Eingriff, bei dem es praktisch nie zu Zwischenfällen kam, wurden die Gefühle so weit vom Bewusstsein abgeklemmt, dass man endlich rein rational entscheiden konnte. Gefühle, sagte man, sind ein Relikt aus der Evolution. Tiere brauchen ihre Emotionen, um zu erkennen, was richtig für sie ist. Menschen sind mit einem Verstand gesegnet, der ihr Handeln logisch regeln sollte. Erst nach Abschaltung der überholten Gefühlswelt kann der Verstand das Handeln lenken. Wer als moderner Mensch noch mit Weisheitszähnen, Gefühlen und Blinddarm herum läuft, wird sich nie gegen vernünftig denkende Mitmenschen durchsetzen können. Übernächste Woche würde es also so weit sein.
Mario erwachte im freundlich eingerichteten Krankenzimmer. Er schaute sich um, und sah die Krankenschwester im gelben Kostüm neben sich. Die junge Frau lächelte routiniert, fragte ob alles in Ordnung sei, und passte vorsichtshalber auf, während er aufstand und sich anzog. Schon während er die Klinik verließ, war Mario fast ärgerlich darüber, was er in den letzten Jahren alles falsch gemacht hatte. Natürlich drang nur ein leiser Schatten des Ärgers in sein Bewusstsein. Nichts, das ihn hätte irritieren können. Endlich konnte er die ineffiziente Elektronik-Sparte anständig rationalisieren, ohne dass ihm bei jeder unterzeichneten Kündigung der Mensch hinter dem Namen leid tat. Mit der Hälfte der Mitarbeiter und einer verdoppelten Produktivität arbeitete die Abteilung schon bald wieder wirtschaftlich. Der jährliche Bericht der Marktforscher erzwang Marios nächste Aktion. Die größte Marke seiner Firma war nicht die Beliebteste bei den unter 20jährigen Kunden. Er ließ sich die Kosten für eine umfassende Werbekampagne vorrechnen,verglich sie mit den Prognosen seiner Juristen, und kam zu dem Schluss, dass man seiner Firma nichts würde anhängen können. Image war alles, und das Image eines Konkurrenten zu verderben, war gar nicht so schwer. Man durfte sich nur nicht bei falschen Aussagen erwischen lassen. Es war nichts Falsches daran, dass die asiatischen Fabriken der anderen Firma in einem eigens für sie aufgelösten, ehemaligen Naturschutzgebiet standen. Der Öffentlichkeit würde das bestimmt nicht gefallen, also kaufte Mario einen Journalisten, der eine große Story daraus machte.
An seinem fünfzigsten Geburtstag schloss er einen Vertrag mit dem Vorstand seines Imperiums. Alle relevanten Patente gehörten inzwischen dem Konzern, alle nicht kaputt zu kriegenden Konkurrenten waren übernommen und integriert worden. Seine Firma war Weltherrscher der Heimelektronik, und auch die Fusionsverhandlungen mit dem einzigen verbliebenen Ernährungskonzern liefen gut. Die Verträge über die Fusion mit Vanessas Konzern würde er noch persönlich unterschreiben, danach sollte nur noch sein letzter Vertrag wichtig sein. In einer feierlich formulierten Erklärung entzog er sich selbst alle Rechte, gab alle Ämter an Vertraute ab, und schloss sich aus dem Konzern aus. Er hatte genug gearbeitet, um sich von jetzt an ein schönes Leben zu gönnen. Einen Tag nach seiner ehrenhaften Verabschiedung würde er wieder in der Klinik für Lifestyle-Chirurgie aufwachen, wo kompetente Ärzte die seit Jahrzehnten betäubten Nervenbahnen wieder hergestellt haben würden.
Freunde und Berater hatten ihn ausführlich gewarnt. Sobald er seine Gefühle wieder wahrnehmen würde, war es so gut wie sicher, dass er einen großen Teil seines Lebens bereuen würde. Daher der Vertrag. Auf keinen Fall wollte er dem Konzern schaden, indem er irgendetwas aus Pflichtgefühl oder Menschlichkeit rückgängig machte. Im frühen Ruhestand wollte er sich ganz auf das konzentrieren, was er bisher verpasst hatte: Spaß haben, und das stinkreiche Leben genießen. Vielleicht würde er sich eine Frau suchen, die minderjährige Kinder hatte. Manche nicht operierten Bekannten schwärmten vom neuen Lebensinhalt als Erzieher. Auf dem Weg in die Klinik dachte Mario darüber nach, was für Frauen ihm nach der Operation gefallen würden, denn bisher waren für ihn alle Menschen gleich.
In einem freundlich eingerichteten Büro stand ein großer Schreibtisch aus Glas und hellem Holz. Auf einer Seite davon stand ein mit dunkelrotem Kunstleder bezogener Chefsessel, gegenüber ein genau gleicher Stuhl. Herr Meier, der neue Manager der Elektronik-Sparte, stand von seinem Sessel auf, als er ein Klopfen an der Tür hörte. Mit gut trainierter Höflichkeit führte er Frau Schmidt zum zweiten Sessel, und setzte sich wieder. Frau Vanessa Schmidt leitete die Nahrungsmittel-Abteilung, die sich vor einem halben Jahr dem Konzern angeschlossen hatte. Elegant wie jeden Tag schlug die ältere Dame die Beine übereinander, lächelte über den glänzenden Schreibtisch hinweg, und sagte: "Unsere Rentenkasse wurde heute stark entlastet. Außerdem haben wir eine Menge unserer eigenen Aktien geerbt. Haben sie es schon in der Zeitung gelesen, oder verrate ich ihnen etwas Neues?" "Erzählen sie mehr davon," forderte Herr Meier sie auf, "mir scheint es neu zu sein." "Mein Bruder ist gestorben," erklärte Vanessa mit unverändertem Lächeln, "man hat ihn gestern Abend in seiner Villa gefunden, wo er sich anscheinend erhängt hat." Herr Meier überlegte kurz, ob er betroffen aussehen sollte, entschied sich aber schnell dagegen. Solche Fälle kamen häufig vor, wenn man sein Gehirn in einen kindlichen Zustand zurück versetzen ließ.

