Je weniger über ein Thema gesprochen wird, desto mehr Begriffe gibt es dafür.
Wie Du eventuell schon festgestellt hast, erfolgt Wahrnehmung in mehreren Stufen. Daraus resultieren die primäre und die sekundäre Wahrnehmung, was nichts anderes bedeutet, als dass jeder Reiz (z.B. ein Geräusch) einen primären Kanal belegt (hören, also Frequenz und Lautstärke), welcher direkt aus dem äußeren Reiz hervorgeht, und nahezu gleichzeitig ein sekundärer Kanal auftaucht, auf dem die Wahrnehmung eine Detailauswertung erfährt (z.B. sehen einer Klangfarbe).
Wie stark die sekundäre Wahrnehmung auf welchem Sinn ausgeprägt ist, variiert sehr stark von Mensch zu Mensch. So gibt es relativ viele Leute, die Musik oder andere Geräusche sehen können, andere können besser Farben riechen.
Wenn wir Lesen und Schreiben lernen, bilden wir "virtuelle" oder "logische Sinne" aus, das sind automatische Deutungen bereits bekannter Sinneseindrücke, so dass man nicht mehr darüber nachdenken muss, dass man gerade Buchstaben sieht, sondern einfach liest. Diese "logischen Sinne" können ebenfalls eine sekundäre Ebene erhalten, so dass Zahlen und Buchstaben, neben ihrer reinen Form, als eine bestimmte Farbe gesehen werden, was den alltägilchen Umgang mit Schrift und Sprache wesentlich erleichtert.
Allerdings gibt es auch Menschen, deren Wahrnehmungskanäle streng getrennt arbeiten. Bei ihnen sind die Kanäle Farbe, Form und Helligkeit auschließlich fürs Sehen nutzbar, Temperaturwahrnehmung findet nur über die Haut statt, kurz gesagt ist jeder Sinn auf seine primäre Auswertung eingeschränkt.
Viele Personen können durchaus Vorteile aus dem Phänomen ziehen, dass man häufig fälschlicherweise
als Halbsichtigkeit bezeichnet. Sie sind bestens geschützt gegen Reizüberflutung, da kein Sinn die anderen mit belastet. Außerdem lassen sie sich nur selten
von subjektiv hässlichen Begriffen abschrecken, weil für sie alle Wörter gleich aussehen.
Ein treffenderer Name wäre Flachsichtigkeit, da die eingschränkte Wahrnehmung eben nicht halbiert, sondern um die
Detailauswertung verkürzt wird, wodurch ein gewissermaßen flacher, aber keineswegs unvollständiger Sinneseindruck entsteht.
Solche ungenauen Begriffe entstehen wohl dadurch, dass in unserer Gesellschaft sehr wenig über Besonderheiten
gesprochen wird, erst recht wenn es um so zentrale Themen geht, wie die Frage, was in unseren Köpfen vorgeht, welche
allzu schnell als "verrückt" ausgelacht werden.
Der Fachbegriff für das restlose Fehlen sekundärer Wahrnehmung ist Separäsie, und kommt vom lateinischen Wort
separare (trennen). Die genauere, englische Bezeichnung ist Binding Deficiency, wird aber nur in
Fachkreisen verwendet, da sie den meisten Leuten zu sehr nach Krankheit klingt, mit welcher man das spannende Phänomen
der Separäsie nicht verwechseln darf.
Wer Ironie findet, darf sie behalten.
Dieser Text ist nicht wissenschaftlich gemeint,
und wer ihn dennoch ernst nehmen will, möge das
bitte im Sinne einer ersthaft gemeinen Satire tun.

